Perspektive Mai - Juni 2018

Überall finden wir Grenzen: seien es geografische Grenzen oder Naturgesetze. Grenzen können Schutz geben, haben aber auch selbst Grenzen. Deshalb muss man sie immer wieder überwinden. Der folgende Artikel will zum Nachdenken anregen, wie Christen als „Grenzgänger Gottes“ in dieser Welt segensreiche Spuren hinterlassen können. 

GrenzSchutz

Warum Grenzen uns guttun

Grenzen sind überall. Sie verlaufen zwischen Staaten und zwischen erlaubt und verboten. Sie halten als Naturgesetze unsere Welt zusammen und hegen Körper und Geist ein.

Grenzen werden kontrovers diskutiert. Manche Menschen wollen Nationalstaaten überwinden. Andere sehen in der Globalisierung die Ursache allen Übels.

Die einen wollen (vermeintliche oder echte) Engstirnigkeit durch (vermeintliche oder echte) Toleranz ersetzen. Die anderen setzen auf klar umrissene Werte.

In der Forschung gibt es Bemühungen, die letzte Grenze zu überwinden und ewiges Leben ohne Krankheit möglich zu machen. Auf der anderen Seite werden ethische Grenzen eingerissen, damit menschliches Leben in allen Stadien leichter beendet werden kann.

Gesetzte Grenzen

Gott zieht schon auf der ersten Seite der Bibel Grenzen: Er scheidet Licht von Finsternis, trennt Meer und Land, gibt seiner Schöpfung einen Rahmen von Naturgesetzen. Dieser Rahmen wird nur gesprengt, wenn Gott selbst wunderbar tätig wird: Wenn er die Sonne anhält, wenn Jesus Christus Wasser in Wein verwandelt, Blinde sehend und Lahme gehend macht oder Tote auferweckt.

Die erste Grenze, die Gott dem Menschen setzt, ist ein Vertrauenstest: „Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen …“ (1Mo 2,16-17). Adam und Eva überschreiten diese Grenze, weshalb eine andere fortan unser Leben im Griff hat: „Die Tage unserer Jahre sind siebzig Jahre, und, wenn in Kraft, achtzig Jahre“ (Ps 90,10).

Gebote setzen Grenzen auf anderer Ebene. Sie können willentlich überschritten werden. Zwar ist „Du sollst nicht stehlen“ von Gott verordnet und auch in den meisten Kulturen eingeschrieben. Trotzdem wird es täglich gebrochen, wie auch jedes andere göttliche Ge- und Verbot.

Im Kontext von Nationalstaaten wird das Thema Grenzziehung vielschichtig. Gott verspricht seinem Volk: „Und ich werde deine Grenze festsetzen“ (2Mo 23,31). Doch die bleibende Grenze wird an Gottesfurcht und das Halten der Gebote geknüpft. So wird die Wegführung von Israel und Juda hinein in fremde Grenzen die ultimative Strafe Gottes für sein auserwähltes Volk.

Wegen der Grenzversprechen Gottes schlussfolgert der indische Philosoph Vishal Mangalwadi: „Auch der modernen Idee vom Nationalstaat liegt die Bibel zugrunde.“ (1) Er unterscheidet dabei guten und schlechten Nationalismus. „Der deutsche Nationalismus, der zum Zweiten Weltkrieg führte, war eine säkularisierte Perversion eines biblischen Wertes.“ (2) Der deutsche Historiker Theodor Schieder stellt eine ähnliche Diagnose, kommt aber zu einem anderen Ergebnis: „Damit ist für Europa die Sternstunde des Nationalstaats abgelaufen …“ (3) Andererseits ist „(i)m Zeitalter der Globalisierung … der Nationalstaat … die vermutliche letzte Bastion, welche … noch das Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln vermag.“ (4) Mangalwadi teilt diese Sicht – aus einer christlichen Perspektive. Er schlägt vor, dass die Kirche sich mit dem positiven Nationalismus beschäftigen solle, da Gott in der Bibel nicht nur mit Individuen, sondern auch mit Nationen handele.

Diese Meinung hat Meriten, leider aber zwei Schwächen. Zum einen stellt sich die Frage, wie „Nation“ definiert werden soll. Von Beginn an waren Nationen ständig im Wandel begriffen, geformt von Völkerwanderungen, Landnahmen und Heiraten mit anderen Volksgruppen. Es gibt nicht (und gab nie) die Nation. Biblisch gesehen kann man sogar argumentieren, dass ein „positiver himmlischer Nationalismus“ das Ziel hat, „alle Nationen zu Jüngern“ (Mt 28,19), d. h. zu einer ganz anderen Art von Nation zu machen.

Zum anderen erleben wir eine irreversible Entropie weg vom gottesfürchtigen Nationalstaat. Wir sehen immer weniger Staaten mit glaubensstarken Leitern (wenn überhaupt). „Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere … Und weil die Missachtung des Gesetzes überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten“, beschreibt der Herr (Mt 24,7.12). Mit anderen Worten: Grenzen werden immer stärker verletzt. Dabei brauchen wir sie nötiger denn je.

Grenzen schützen

Biblische Grenzen bieten Schutz. Die Zehn Gebote sind Leitplanken gegen den Absturz in anarchische, gottlose Abgründe. Sie schaffen die Grundlage für ein gesundes Verhältnis zum Schöpfer und zur Gesellschaft. Wenn Hiob, lange vor den Zehn Geboten, erklärt: „Einen Bund habe ich mit meinen Augen geschlossen. Wie hätte ich da auf eine Jungfrau lüstern blicken sollen?“ (Hi 31,1), dann bewahrt diese Grenze ihn vor den zerstörerischen Konsequenzen des Ehebruchs.

Aber hat Christus uns nicht „losgekauft von dem Fluch des Gesetzes“ (Gal 3,13)? Ist mir nicht „alles erlaubt“ (1Kor 6,12; 10,23)?

In seiner Rede auf dem Areopag erläutert Paulus die Funktion von Grenzen. Gott habe für die Menschen „festgesetzte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnung bestimmt“ (Apg 17,26). Diese Zuteilung hat eine Endabsicht: „Gott hat den Menschen Zeiten und Räume in Geschichte und Welt angewiesen mit dem Ziel, ihn zu suchen und zu finden.“ (5)

Grenzen erfüllen dann ihren Zweck, wenn sie die Rahmenbedingungen für eine gelingende Beziehung zu Gott schaffen. Das tun sie, wenn Gott die Grenzen gesetzt hat. Von Menschen abgezirkelte Grenzen können schaden, wenn sie biblische Grundlagen verlassen. Paulus muss seine Geschwister zur Ordnung rufen: „Wenn ihr mit Christus den Elementen der Welt gestorben seid, was unterwerft ihr euch Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt: Berühre nicht, koste nicht, betaste nicht!“ (Kol 2,20-21).

Grenzen haben Grenzen

Die meisten heute gültigen Grenzen sind zeitlich. Körperliche Begrenzungen werden vergehen, „(w)enn … dieses Vergängliche Unvergänglichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird“ (1Kor 15,54). Auch intellektuelle Grenzen werden verschwinden: „… sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden.“ Nur „(d)ie Liebe vergeht niemals“ (1Kor 13,8).

Denn Gesetze gelten nur so lange, wie der Gesetzgeber es festlegt. Er hat das Recht, Grenzen neu zu setzen. Bestes Beispiel ist das Kommen unseres Herrn Jesus Christus. Mit ihm gab es massive Veränderungen: „Er hat aus beiden (Heiden und Juden) eins gemacht und die Zwischenwand der Umzäunung, die Feindschaft, in seinem Fleisch abgebrochen“ (Eph 2,14). In Konsequenz wurde Christus immer wieder der Grenzüberschreitung angeklagt, wenn er bei Sündern und Heiden saß, am Sabbat heilte oder sich als Gottes Sohn zu erkennen gab.

Grenzüberschreitung

Grenzüberschreitung gehört untrennbar zur biblischen Lehre dazu. Die Grenze zwischen dem Allerheiligsten und dem Rest der Welt reißt entzwei, als Christus stirbt. Er überschreitet Grenzen, als er auf dem Wasser läuft; Petrus ebenfalls, als er aus dem Boot steigt, um seinen Herrn entgegenzugehen. Es ist zentrales Merkmal, dass diese Grenzüberschreitung nicht eigenmächtig geschieht, sondern initiiert von Jesus, mit Jesus und zu Jesus hin: „Denn mit dir erstürme ich einen Wall, und mit meinem Gott überspringe ich eine Mauer“ (Ps 18,30).

Wie können wir als Grenzgänger Gottes in irdischen, nationalen Grenzen leben? Es ist Teil der christlichen Identität, dass wir zwar in der Welt, aber nicht von der Welt sind. Wenn wir wissen, dass unsere erste Nationalität himmlisch ist (Phil 3,20), dann können wir als Bürger von Gottes neuer Welt auch in der irdischen segensreiche Spuren hinterlassen.

Heiko Schwarz

Heiko Schwarz (45) besitzt die himmlische Staatsbürgerschaft, arbeitet als Diplomat im Auswärtigen Amt und lebt mit seiner Familie (noch) in Berlin. Ab Juli wird er die politische Abteilung am Deutschen Generalkonsulat in New York leiten.

P 2018 03

Rezension

  • Katholisch als Fremdsprache - Buchanalyse
  • Mehr als mein Gehirn - Dokumentarfilm

denken

  • Ich stehe an der Tür und klopfe an
  • Frieden durch Grenzen? - eine Zeit lang
  • Evangelikalikus - Eine Sache der Geister
  • Brauchen wir Abgrenzung?
  • Katholisch als Fremdsprache

glauben

  • Eine Tür geöffnet, die niemand schließen kann
  • Kommen alle, alle in den Himmel?
  • Warum toben die Völker?
  • Brüdergemeinden - wo geht es hin?

leben

  • Grenzschutz - Warum uns Grenzen guttun
  • Barrierefreie Gemeinde gesucht!
  • Mittendrin - als Christ am Arbeitsplatz
  • Mittendrin - als Christ in der Politik
  • Mittendrin - als Christ in der Uni
  • Erziehung braucht Grenzen!
  • Braucht Freiheit Grenzen?
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

Schreiben Sie uns...

Bitte geben Sie Ihre Anrede an!
Bitte geben Sie Ihren Vornamen an!
Bitte geben Sie Ihren Nachname an!
Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse ein
Ungültige Eingabe
Bitte geben Sie einen Ihre Nachricht ein.