PERSPEKTIVE Juli - August 2018

Das Kreuz: machtvoll und stark

Es ist ein trüber Februarmorgen. Robin (Namen geändert) aus der 5. Klasse kommt nach vorne zum Lehrerpult. Er kramt in seiner Hosentasche und zieht umständlich einen völlig zerknüllten Zettel hervor. Er reicht mir das Papier und flüstert dabei: „Da … lesen Sie das.“ Seine Augen sind erwartungsvoll auf mich gerichtet. Robin beginnt zu weinen.

Ich entfalte den Zettel, auf dem er in kaum leserlicher Schrift geschrieben hat, was einige Mitschülerinnen ihm am Tag zuvor im Vorbeigehen zugeraunt hatten: „Du dürftest gar nicht existieren, du Idiot! … Was suchst du in dieser Welt? Geh sterben, geh in die Hölle!“ Als ich am Ende seiner Nachricht angekommen bin, stehen auch mir Tränen in den Augen. Manchmal könnte ich laut schreien, wenn ich an die zahllosen verbal Erschlagenen meiner Klassen denke.

Menschliche Macht-Worte
Worte haben Macht – ungeheure Macht! Worte können aufbauen und ermutigen, Worte können niedermachen und zerstören. Körperliche Wunden heilen, durch Worte gerissene seelische Wunden sind mit Salbe und Pflaster nicht zu lindern. Das große Problem menschlicher Worte ist, dass sie menschlich sind. Menschlich heißt: neben allen guten und gütigen Worten dennoch nicht frei von Egoismus und Eigenliebe, von Arroganz und Böswilligkeit. Menschlich heißt: von Sünde durchsetzt. Kein Wunder, dass es (wie in Robins Geschichte) im täglichen wortgewaltigen Miteinander permanent zu manipulierten Meinungen, parteilicher Politik, kontrollierender Kritik und verurteilender Vernichtung kommt.

Präsidiales Palaver
Das Wort wird zur Waffe, quer durch alle Schichten und Stufen der Gesellschaft. So twittert einer der mächtigsten Regierungschefs der freien Welt, losgelöst von jedweder ausgewogenen Sach- und Fachkenntnis, sich selbst und den Rest des Erdballs täglich um Sinn und Verstand. Mit seinen 140-Zeichen-Botschaften schiebt er Regierungen und Völker mit jedem Druck auf die Buchstabentastatur immer mehr in Entzweiung und Zwietracht. Keine Fakten, sondern Fantasien. „Keine Daten, sondern Deutungen.“ (1) Gesagtes und Geschriebenes aber kann nicht mehr zurückgeholt werden. Und am anderen Ende der Kette menschlicher Unworte und verbaler Entgleisungen stehen Kinder wie Robins Peiniger, die – von erwachsenen Vorbildern inspiriert – gedankenlos jeden Unsinn und jede Gemeinheit, die ihnen gerade durch den Kopf schießen, ungebremst und ungefiltert in die sie umgebende Umwelt abfeuern.

Gottes machtvolles Wort
Das Wort Gottes ist ganz anders! Während menschliche Worte positiv wie negativ wirken können und dadurch Freude oder Tragödien auslösen, ist alles von Gott Gesprochene ausschließlich „rein“ (Ps 12,6). Über seine „Lippen ist Holdseligkeit ausgegossen“ (Ps 45,2). Aus „seinem Munde gehen Worte der Gnade“ hervor (Lk 4,22). Das Wort des Höchsten ist insgesamt getragen von göttlicher Autorität, es ist inspiriert, irrtumslos und unfehlbar. Es ist ein Wort von durchschlagender Macht und Effektivität, in ganz besonderer Weise in seiner frohen Botschaft, dem Evangelium (Lk 4,18).

Evangelium = Gottes Kraft
Nicht von ungefähr schreibt Paulus deshalb an die Römer, dass das „Evangelium … Gottes Kraft ist“ (Röm 1,16). Und auch den Korinthern teilt er inhaltsgleich mit, dass „das Wort vom Kreuz (also das Evangelium) … Gottes Kraft“ ist (1Kor 1,18.23). Nach Johannes 1 ist Jesus das menschgewordene Wort Gottes und damit die kraftvolle frohe Botschaft in Person. Kein Wunder, dass Paulus deshalb mühelos den Terminus technicus „Kraft Gottes“ mit der Person Jesus in Verbindung bringt: „Jesus … als Sohn Gottes in Kraft erwiesen“ (Röm 1,4). Timothy Radcliffe bringt es gut auf den Punkt, wenn er zusammenfasst: „Gottes Kommen war nicht einfach die Geburt eines Kindes; es war das Kommen eines Wortes“ in Kraft und Macht, das wir weitersagen dürfen und sollen. (2)

Dynamit und Dynamo
Das hier verwendete Wort für Kraft ist nach Vines Wörterbuch sprachlich an den Begriff „dynamis“ angelehnt, aus dem wir unsere Worte für „Dynamit“ oder auch „Dynamo“ ableiten. (3) Das Evangelium (wie überhaupt das gesamte Wort Gottes) hat eine Wortkraft, die in ihren Auswirkungen bildlich der des Dynamits zu vergleichen ist. Keinesfalls ist damit ein Aufruf zu neuen Kreuzzügen verbunden. Vielmehr gilt es, zu erkennen und zu glauben, dass das Wort vom Kreuz in sich selbst so viel Machtpotenzial hat, dass allein dieses Wort ausreicht, um die verhärteten Herzen gottferner Menschen aufzubrechen. Es hat die Sprengkraft, atheistische Gedankenkonstrukte zu durchbrechen und von Sünde getragene gedankliche Festungen zum Einsturz zu bringen (2Kor 10,4). Das Evangelium ist keine minderwertige Heilsalternative – es ist die größte und mächtigste Nachricht des Universums, die ihre eigene dynamische Gottes-Kraft bei ihren Hörern „zum Heil“ entfaltet (Röm 1,16). Das ist das zentrale Ziel des Evangeliums. Es will nicht nur und nicht hauptsächlich die Welt verändern, sondern es will zunächst Menschen verändern, indem es sie in Christus zu einer neuen Schöpfung macht (2Kor 5,17).

Durchbohrte Herzen
In diesem Bewusstsein tun wir gut daran, das Evangelium ungeschmälert und unverwässert weiterzusagen. So, wie es Paulus Timotheus rät: „Ich bezeuge ernstlich vor Gott und Christus Jesus …: Predige das Wort“ (2Tim 4,1.2). Nicht mehr und nicht weniger. Das ausgestreute Evangelium wird sich in seiner ihm eigenen lebendigen Kraft selbst einen Weg in die Herzen der Zuhörer bahnen. Der ausgestreute „Same des Wortes Gottes wird nicht leer zurückkommen“ (Lk 8,11; Jes 55,11).
So tat es auch Petrus. Er interpretierte das Wort Gottes nicht selbst, sondern gab es unverfälscht weiter. Seine Pfingstpredigt war angefüllt mit Zitaten aus dem Alten Testament (Apg 2,14-36). So tat es auch Stephanus. Sein durch den Heiligen Geist inspiriertes Wort über den gekreuzigten, gerechten Jesus war eine hochexplosive Kraft. Es „durchbohrte die Herzen“ seiner Zuhörer, die die Wahrheit von Golgatha nicht ertragen konnten (oder wollten) und den Überbringer der guten Nachricht mit tödlichen Steinwürfen in den Himmel beförderten (Apg 7).
Petrus‘ und Stephanus‘ Predigt über den gekreuzigten Christus belegt einmal mehr, wie „lebendig, wirksam, scharf, durchdringend und aufdeckend“ Gottes Wort ist (Hebr 4,12). Nicht verwunderlich, denn schließlich „zeugen die Schriften von Jesus“ (Joh 5,39) und „beweisen kraftvoll, dass er der Christus ist“ (Apg 18,28). In der Tradition von Petrus und Stephanus sind wir in der Evangelisation in derselben Kraft Gottes „Gesandte für Christus … und bitten an seiner statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2Kor 5,20)

Herold des Evangeliums
Bei dieser Aufgabe sind wir im Prinzip nur noch Herolde, wie die damaligen Rufer der Könige aus vergangenen Zeiten. Der Herold legte nicht den Inhalt der Nachricht fest, sondern gab schlicht weiter, machte bekannt, was der Herrscher mitzuteilen hatte. Es lag ihm und seinem Dienst fern, seines Königs Worte zu manipulieren oder gar umzudeuten. Der Herold rief lediglich: „Hört her! Hört her, was der König euch zu sagen hat!“, und lieferte dann des Königs Mitteilung wortgetreu ab. Deshalb steht wohl auch an vielen Stellen des Neuen Testaments (im griech. Urtext) für „predigen“ der Begriff „herolden“. Was der König des Himmels durch uns sagen lassen möchte, ist ebenso einfach wie klar: „Wir aber predigen (herolden) Christus gekreuzigt“ (1Kor 1,23), denn „das Herzstück des Evangeliums ist Jesus Christus, seine Person, sein Werk … sein Sühnetod.“ (4)

Kraft der Auferstehung
Beim Tod Jesu aber bleibt die Verkündigung nicht stehen. Zur Kraft des Evangeliums gehört zwingend die Kraft der Auferstehung, sonst wäre unser Glaube null und nichtig. Da ist die Bibel unmissverständlich und eindeutig. Wenn Christus nicht auferweckt ist, so ist auch jede (Evangeliums-)Predigt vergeblich, leer und hohl, und ebenso unser gesamter Glaube. Ohne Jesu Auferstehung als dem göttlichen Beleg des ewigen Sieges über den ewigen Tod wären wir noch in unseren Sünden und verloren (1Kor 15,13-19).
Die Kraft der frohen Botschaft hat über den Tod triumphiert. Das Evangelium endet nicht am und mit dem Kreuz, sondern findet seine Fortführung am Ostersonntag beim leeren Grab (2Kor 13,4; Eph 1,19.20). George Carey schreibt absolut richtig: „Für die ersten Christen war die Auferstehung der Beweis für die Aussagen des gekreuzigten Christus. Er hatte in einer so großen Schwäche am Kreuz gehangen, aber in der Auferstehung kam Gottes Kraft ganz deutlich zum Durchbruch. … Und so wurde die Kirche in Kraft geboren. … Der auferstandene … Jesus …, die Kraft des Heiligen Geistes …, [ist bis] heute ein lebendiges Zeugnis für die Kraft der Auferstehung.“ (5)

Ärgernis Kreuz
Kein Wunder, dass das „Wort vom Kreuz“ den Gegnern des Evangeliums (und allen voran dem Ur-Widersacher) ein „Ärgernis“ war und ist (1Kor 1,23). Wo und wie sie können, versuchen sie, davon abzulenken, es zu bekämpfen oder zu beseitigen. Die „Feinde des Kreuzes Christi“ (Phil 3,18) fahren viel eigenes Wort und Werk auf, um das Evangelium, „den Rat Gottes, mit Worten ohne Erkenntnis zu verdunkeln“ (Hi 38,2).

Kreuzfreie Zone
Gerade auf unserem Kontinent sind wir zurzeit massiv damit beschäftigt, das Wort vom Kreuz zunehmend zu verhüllen. Nach Umbauten an der Wiener Universität mussten die dortigen Theologen ihre eigenen Hörsäle aufgeben. Dabei wurde entschieden, dass in den neuen Räumen „künftig keine Glaubenssymbole mehr zu sehen sein sollen“, also keine Kreuze mehr. Die Zeitung „Christ in der Gegenwart“ meldete zeitgleich, dass sich „Turkish Airlines [unlängst] geweigert hat, ein Kreuz für eine Kirche in Stuttgart zu transportieren.“ Die Sozialdemokraten in Schweden haben angekündigt, „nach einem Sieg bei den Parlamentswahlen im Herbst alle religiösen Schulen zu schließen“. (6)

Der Tod Europas
Da kann man wohl zu Recht sagen, dass in diesen Tagen vor unseren Augen eine „aus der jüdisch-christlichen Tradition … hervorgegangene Zivilisation … zugrunde geht.“ So zumindest sieht es der britische Publizist und Autor Douglas Murray in seinem aktuellen Bestseller „Der seltsame Tod Europas“. Genau in dem Moment, wo sich Flüchtlingsströme ungeahnten Ausmaßes über Europa ergießen, „verliert Europa das Vertrauen in seine Überzeugungen (und) Traditionen.“ Damit „geht ihm die Kraft aus“ und es „begeht … Selbstmord.“ (7)
Die geschundenen Flüchtlinge und der gedemütigte Robin, unsere gottfernen Nachbarn und unerretteten Familienmitglieder. Sie alle, wir alle brauchen das machtvolle und starke Wort vom Kreuz, brauchen das Evangelium, brauchen Jesus Christus. Ohne das Wort vom Kreuz, ohne Jesus Christus, geht es nicht – weder in diesem Leben noch in dem kommenden. Und deshalb bleibt die Dringlichkeit des Missionsbefehls ungebrochen wichtig und richtig: „Gehet hinaus in alle Welt (und die fängt vor der Haustür an) und predigt (heroldet) das Evangelium (die kraftvolle gute Nachricht) der ganzen Schöpfung“ (Mk 16,15).

Martin von der Mühlen
Martin von der Mühlen, Jg. 1960, verheiratet, zwei Töchter, ist Oberstudienrat in Hamburg.


Literatur:
(1) Haller, Michael: Fehler im System. In: „Cicero“, Magazin für politische Kultur. Res Publica Verlag, Berlin: Ausgabe Januar 2018, S. 17-24.
(2) Radcliffe, Timothy: Warum Christ sein – Wie der Glaube unser Leben verändert. Verlag Herder, Freiburg i. Br.: 2012, S. 135.
(3) Vine, William Edwy: An Expository Dictionary of New Testament Words. Oliphants Ltd., Barbour (by special arrangements with Marshall Pickering Communications) Uhrichsville, Ohio (USA): 1952, p. 196 (first published in 1940).
(4) Masters, Peter: KraftWort. Schwengeler Verlag, Berneck: 2003. S. 177.
(5) Carey, George: Was ich glaube. One Way Verlag, Wuppertal: 1992, S. 84-85
(6) Röser, Johannes (Chefredakteur): Artikel in „Christ in der Gegenwart“. Verlag Herder, Freiburg i. Br.: Ausgaben 10/2018, S. 110 und 13/2018, S. 134+152.
(7) Murray Douglas: Europas seltsamer Untergang. In: „Cicero“, Magazin für politische Kultur. Res Publica Verlag, Berlin: Ausgabe November 2017, S. 99-104.

Perspektive 4 2018 k

Rezension

  • Adam, Eva und die Evolution

denken

  • Ist Gnade ungerecht?
  • Gerechtigkeit - Unsere Rechtsvorstellungen
  • Das Kreuz: Stolpersteine der Theologie

glauben

  • Das Kreuz: Machtvoll und stark!
  • SAFETY FIRST - Sicherheit zuerst
  • Versöhnung - mehr als Reparatur
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  • Beruhigend lächerlich Psalm 2

leben

  • Ich schäme mich nicht!
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Orientierung

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Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

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