PERSPEKTIVE März - April 2019

Um der Wahrheit willen in die Welt gekommen
Warum Wahrheit und Liebe für Jesus zusammengehören

Es ist einer der beeindruckendsten Momente, über den die Evangelien berichten: Pilatus verhört Jesus. Die Macht des römischen Weltreiches trifft auf den Sohn Gottes. Und der Präfekt des römischen Kaisers Tiberius in den Provinzen Judäa und Samaria ist offensichtlich beeindruckt von ihm.

1. Für die Wahrheit in die Welt gekommen
Pilatus will wissen: Wird der Wanderprediger aus Nazareth gefährlich für ihn? Wird er politische Aufstände anzetteln? Kann er seine Macht untergraben? Was will Jesus?
Und Pilatus ist irritiert. Ja, Jesus hat ein Reich – aber das ist so ganz anders als das Reich, das Pilatus vertritt.
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, sagt Jesus. Und damit es unmissverständlich klar ist, fügt er hinzu: „Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so hätten meine Diener gekämpft.“ Denn das ist ja das Kennzeichen von den Reichen dieser Welt: dass hier um Macht gekämpft wird, sei es mit Waffengewalt oder durch Mehrheiten. Aber sein Reich ist so ganz anders, „nicht von hier“.
„Also, du bist ein König?“, fragt Pilatus weiter. Jesus bejaht: „Du sagst es.“ Und ergänzt dann: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis gebe“ (Joh 18,37; ELB).
Es gibt einige Stellen in den Evangelien, in denen unser Herr sagt, warum er in diese Welt gekommen ist – und auch, warum er nicht gekommen ist. Immer geht es dabei um zentrale Aussagen.
So auch hier: Christus ist gekommen, „um für die Wahrheit einzustehen“ (NeÜ).
Aber um welche Wahrheit geht es? Die Frage nach der Wahrheit ist ja ein Riesenthema.

Welche Wahrheit?
Hier kann uns das Johannesevangelium weiterhelfen: „Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,18-19).

1. Jesus hat uns die Wahrheit über Gott gebracht, „hat ihn kundgemacht“. Er sagt: „Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat“ (Joh 12,45).
2. Er hat uns auch Wahrheit über uns selbst gebracht. „Niemand musste ihm etwas über die Menschen sagen, weil er wusste, was in ihrem Innern vorging“ (Joh 2,25; NeÜ). Er kannte das menschliche Herz durch und durch, den Sitz unserer Persönlichkeit. Er wusste um unser großes Problem, „denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken“ (Mt 15,19). Gedanken, die zu Taten werden. Gedanken und Taten, die zerstören, die Unfrieden bringen – zwischen Mensch und Mensch, aber auch zwischen Gott und Mensch.
Doch Christus hat uns nicht nur Wahrheit über Gott, uns und unsere Situation gebracht.
3. Er hat etwas verändert durch seine Gnade: „Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“ Er ist „nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45); eine weitere „Ich-bin-gekommen-Aussage“ unseres Herrn. Gerade hier zeigt sich seine große Liebe zu uns, die überhaupt kein Widerspruch zur Wahrheit darstellt. Denn „größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde“ (Joh 15,13).
Bei der Frage nach der „Wahrheit“ geht es also nicht um eine Randfrage, etwas, das man auch vernachlässigen kann, wenn die Zeiten nicht danach sind. Es ist eine zentrale Frage – deshalb ist unser Herr in diese Welt gekommen. Deshalb ist Wahrheit so wichtig für Christen. Und wie reagiert Pilatus?

2. Was ist Wahrheit?
Vielleicht habe Sie schon einmal gedacht, dass wir in verrückten Zeiten leben: in der Postmoderne mit all ihrem Pluralismus und Relativismus. Nichts scheint mehr klar zu sein – bis in den christlichen Bereich hinein. „Das kann man doch auch ganz anders sehen“, ist ein Argument, das ich oft gehört habe, wenn es um Wahrheitsfragen ging. Ist Wahrheit überhaupt noch wichtig? Wer bist du eigentlich, dass du behauptest, die Wahrheit erkannt zu haben? Hat nicht jeder seine Wahrheit? Irgendwie, ein Stück weit?
„Nichts ist sicher und nicht einmal das ist sicher.“ Dieser Satz könnte gut aus unseren Tagen stammen, ist aber im 3. Jahrhundert vor Christus entstanden und wird dem griechischen Philosophen Arkesilaos von Pitane zugeschrieben.
Es stimmt: Unsere Zeit hat wirklich ein Problem mit der Wahrheit. Aber das ist überhaupt nicht neu. Das gab es schon zu Zeiten Jesu und früher. Protagoras hatte schon im 5. Jahrhundert vor Christus behauptet: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“ Er gehörte zu den Sophisten, einer antiken Gruppe von Rhetorikern und Wahrheitsrelativisten. Der Mensch ist das Maß, nicht die Götter. Wer am besten seine Meinung darbieten kann – wer sich am besten verkaufen kann –, der gewinnt den Wettstreit der Meinungen. Paulus schreibt dagegen: „Und ich, als ich zu euch kam, Brüder, kam nicht, um euch mit Vortrefflichkeit der Rede oder Weisheit das Geheimnis Gottes zu verkündigen“ (1Kor 2,1). Vielleicht schrieb er dies in der Auseinandersetzung mit dem Sophisten seiner Zeit.
Und deshalb kann man das Evangelium nicht „verkaufen“ und an den Mann bringen wie eine Ware. Und der, der es verkündigt, soll nicht mit seiner Rhetorik beeindrucken, denn das passt nicht zum Inhalt. Evangelium bedeutet: Gott macht sich ganz gering, wird Mensch und stirbt am Kreuz für unsere Schuld. Wer das glaubt, hat ewiges Leben. Gott macht sich ganz klein – mit dieser Botschaft können wir nicht groß rauskommen.
Die Reaktion von Pilatus ist eine typische Reaktion eines Skeptikers: „Was ist schon Wahrheit?“ Und wir merken: Es hat sich nicht viel geändert. Bis vielleicht auf die Tatsache, dass heute viele Christen eher Pilatus zu folgen scheinen als ihrem Herrn. Denn der postmoderne Wahrheitspluralismus hat viele Gläubige mittlerweile angesteckt. Viele zeitgenössische Christen sind nicht mehr von der Wahrheit überzeugt, für die Jesus in die Welt gekommen ist.
Dabei haben wir Christen doch eine ganz besondere Quelle der Wahrheit: sein Wort, das uns in der Bibel überliefert ist. Wir können die Wahrheit kennen – und trotzdem fragen heute viele Christen mit Pilatus: „Was ist schon Wahrheit?“

3. Hört auf ihn!
Jesus ist ein König – aber von einer ganz anderen Art als die Könige und Herrscher dieser Welt. Er setzt nichts mit Gewalt durch, auch nicht mit der Macht der Mehrheit. Aber wie herrscht er dann in seinem Reich?
Aus dem Zusammenhang wird klar: Er herrscht durch die Wahrheit. Er sagt von sich selbst: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14,6). Was für ein Anspruch! Nie könnte das ein Mensch von sich sagen, es ist einer der vielen indirekten Beweise seiner Göttlichkeit. Sein Wahrheitsanspruch unterscheidet ihn diametral vom Teufel. Der Widersacher Gottes „ist der Lügner schlechthin und der Vater jeder Lüge. Wenn er lügt, entspricht das seinem ureigensten Wesen“ (Joh 8,44; NeÜ). Jesus regiert durch die Wahrheit! Sein Machtmittel ist „das Schwert des Geistes, das ist Gottes Wort“ (Eph 6,17). Sein Stellvertreter – der Heilige Geist – ist „der Geist der Wahrheit“ (Joh 15,26). Er wird uns „in die ganze Wahrheit leiten“ (16,13).
Nun leben wir in Zeiten, in der immer mehr Menschen das Vertrauen in die Wahrheit verloren haben – auch viele Christen. Aber wer nicht mehr überzeugt ist, dass Jesus „die Wahrheit“ ist, wird auch andere nicht überzeugen können. Unser Zeugnis wird kraftlos.
Aber vielleicht lassen wir uns von diesem Text ermutigen: Jesus Christus ist gekommen, „um für die Wahrheit einzustehen“. Er hat auf Golgatha den Tod besiegt. Er wird wiederkommen in Macht und offensichtlicher Herrlichkeit, „und jedes Auge wird ihn sehen“ (Offb 1,7). Einmal wird sich „jedes Knie beugen, und jede Zunge wird Gott bekennen“ (Röm 14,11).
Die Wahrheit – nicht die Lüge – wird sich am Ende durchsetzen!
Deshalb: Verlieren wir nicht das Vertrauen in die Wahrheit, verlieren wir nicht das Vertrauen in unseren Herrn. Und hören wir gerade in unserer „postfaktischen“ Zeit der „Fake News“ auf ihn und sein Wort in der Bibel. Denn „wem es um die Wahrheit geht, der hört auf mich“.

Ralf Kaemper

 

 

P 2019 2

Rezension

  • Evangelisation im Dialog

denken

  • Um der Wahrheit willen in die Welt gekommen - Ralf Kaemper
  • Einheit auf höchstem Niveau - Dieter Ziegeler
  • Ein grausamer Auftrag / Psalm 2 - Johannes Gerloff

glauben

  • Ein siegreiches Paar - Martin von der Mühlen
  • Den Teufel durchschauen - Andreas Droese
  • Gerettet - durch Liebe zur Wahrheit - KIlaus Velleuer
  • Wenn Gnade und Wahrheit sich küssen - Martina Kessler
  • Hunger nach Wahrheit - Bernhard Volkmann
  • Die Wahrheit und den Frieden liebt - Anni Martella

leben

  • Plädoyer für die Wahrhaftigkeit - Joachim Loh
  • Unser Hund beisst nicht - Waldemar Grab
  • Das schöne und schwere Miteinander - Gottfried Schauer
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

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