PERSPEKTIVE Juli - August 2019

Schwarz wie Kohle …
Kann sich unser Leben ändern?

Das Thema Feinstaub ist in aller Munde, die Dieseltechnik ist in Verruf geraten, da die Abgaswerte bestimmte Grenzen überschreiten. Mit Messstationen wird intensiv geprüft, ob die Konzentration an schädlichen Teilchen das zulässige Niveau nicht überschreitet. In normaler Büro-Raumluft befinden sich etwa 1 Mio. Schwebeteilchen pro m³. In sogenannten Hochreinräumen werden ganz spezielle Filtersysteme eingesetzt, um sogar den für das menschliche Auge unsichtbaren „Dreck“ herauszufiltern. Bei der Herstellung von Halbleitern enthält die Raumluft nur noch 10 Teilchen pro m³, sie ist damit „hochrein“.
Der biblische Tempel war eigentlich so ein „hochrein-Raum“. Nichts Unheiliges sollte in Gottes Gegenwart kommen, also null „Sünden-Teilchen“. Gottes Heiligkeit verlangt absolute Perfektion, die völlige Abwesenheit alles Sündigen und eine fehlerlose Ordnung. Alles hat in Gottes Heiligkeit seinen Platz, jedes Wesen ist zu 100 % auf seine Aufgabe fokussiert, alles hört auf Gottes Befehl. Die Cherubim-Engel, als Figuren dargestellt auf dem Deckel der Bundeslade, hatten die Aufgabe, alles Unheilige aus der Gegenwart Gottes fernzuhalten, sie sind Wächter der Herrlichkeit Gottes. Es ist eigentlich unvorstellbar, dass irgendwas Menschlich-Sündiges diese absolute Reinheit betreten kann. Und dennoch redet die Bibel davon. Gott hatte sich selbst Wohnstätten auf der Erde gebaut, um den Menschen nahe zu sein, zunächst noch von Decken und Stoffen getrennt, später dann von Toren und Mauern.

Gegenseitige Annäherung
Zwei Tempel hatte die Welt gesehen, beide wurden zerstört. Den dritten Tempel wollte Gott unzerstörbar im Herzen von Menschen und bestehend aus Menschen bauen (1Kor 3,16.17). Durch die persönliche Beziehung zu Jesus Christus wurde das Bewusstsein in uns geweckt, nicht mehr Sklaven der Sünde zu sein und uns stattdessen mit freiem Willen und ganzer Liebe für ein Leben im Gehorsam Gott gegenüber zu entscheiden. Mit der neuen Geburt begann der Prozess, den Schmutz der Sünde in uns zu beseitigen und Verhaltensweisen zu entwickeln, die dem Wesen und der Gegenwart von Jesus Christus entsprechen. Dieser Prozess der Reinhaltung ist unabdingbare Voraussetzung dafür, um mit dem Herrn Jesus in Gemeinschaft zu treten (Hebr 12,14). Mit ihm verbunden zu sein bedeutet, „jede Bürde und die leicht umstrickende Sünde“ abzulegen (Hebr 12,1), „Täter des Wortes zu sein“ (Jak 1,22) und unser Herz damit zu einem heiligen Wohnort für Jesus Christus zu machen (1Petr 1,15). Damit sich Jesus dort wohlfühlt, ist eine beständige Reinigung unserer Gedankenwelt nötig (2Kor 7,1), immer in dem Bewusstsein, dass das auch nur in unmittelbarer Abhängigkeit von Gott gelingen kann (1Thes 5,23). Gott selbst hat deshalb den Anfang gemacht, er ist in Vorleistung getreten und uns durch das Blut seines Sohnes nahegekommen (Eph 2,13), er hat uns neu geboren und erneuert (Tit 3,5).
Heiligung beschreibt also den fortschreitenden Prozess gegenseitiger Annährung, der Annäherung Gottes an uns und von unserer Seite zu Gott, mit dem Ziel, Christus immer ähnlicher zu werden. Während Gott uns einseitig durch den Tod seines Sohnes gerecht spricht (Rechtfertigung), ein für alle Mal, vollkommen in diesem Leben und in gleicher Weise für alle Gläubigen, bringt die Heiligung uns selbst ins Spiel. Bei der Rechtfertigung geht es um den Stand, bei der Heiligung um den Zustand; die Rechtfertigung ist allein Gottes Werk, bei der inneren Reinigung wirken wir mit Gott zusammen; während die Rechtfertigung vollkommen für immer ist, sieht die Heiligung den z. T. jämmerlichen Zustand, der einer Reinigung bedarf und für jeden Gläubigen unterschiedlich sein kann.

Gott sehnt sich nach uns, aber er sehnt sich auch nach Reinheit. Er sehnt sich nach Gemeinschaft und Nähe, er möchte dafür aber einen exklusiven Platz haben, uns nicht mit anderen teilen müssen.

Schwarz wie Kohle …

Heiligung ist also auch unser beständiges Bemühen um Reinheit, ein beständiges Aufräumen, Waschen und Erneuern dieser Wohnung des Herzens, in der der der Heilige Geist wohnen möchte. Es ist das Ringen um eine Gedankenwelt, die IHN liebt, lobt und ehrt, das Gute schätzt und das Böse hasst.
Die Reinheit Gottes erscheint uns umso unnahbarer, als wir uns des jämmerlichen, schmutzigen Zustands des Menschen bewusst werden. Die Bibel sagt, dass wir nicht nur sündigen, sondern dem Wesen nach Sünder sind. Wir sind im Bild gesprochen wie Kohle. Kohle ist nicht nur äußerlich dreckig, sie ist es dem Wesen nach. Egal, wie man sie hält oder wie man mit ihr umgeht, sie hinterlässt nur Dreck, weil sie dem Wesen nach reiner Kohlenstoff ist. Man könnte schöne Herzen malen und kluge Sprüche mit Kohle schreiben, sie bliebe dennoch Dreck. Gott ist dagegen wie reinweiße Kreide. Er ist uns wesensfremd; Kohlenstoff und Kreide sind chemisch nicht vermischbar, sie gehen keine Verbindung ein. Wenn der Mensch also in seiner Natur schwarz wie Kohle ist, wie kann er zu Gottes hochreiner Gegenwart passen? Die Antwort ist erstaunlich: Gott selbst entscheidet sich freiwillig, die Nähe der Sünder zu suchen! Auch nach der Vertreibung aus dem Garten Eden zeigt Gott vielfältig Präsenz, auch in einem Zelt, der Stiftshütte, und dort in dem kleinen, geradezu winzigen Kasten der Bundeslade, der nicht viel größer war als die Krippe, in die sich Gott selbst viele Jahrhunderte später legen lassen sollte. Er war auch präsent im Tempel Salomos, einem nach menschlichen Maßstäben zwar beeindruckenden Bau, an Gottes Unendlichkeit und Majestät gemessen aber unfassbar kleinen Aufenthaltsort. Und Gott hielt es dort in der Mitte dieser Sünder aus. Selbst der Hohe Priester, der einmal im Jahr in die ganz unmittelbare Gegenwart Gottes treten durfte, blieb dem Wesen nach ein Sünder, auch wenn er zuvor für seine eigene Sünde ein Opfer gebracht hatte. Gott ließ ihn dennoch Jahr für Jahr vor sich treten. Er hielt das aus. Im Buch Hesekiel stellt uns der Prophet vor Augen, wie weit Gottes Aushalten von Unreinheit dabei ging. In Kapitel 8 packt der Geist Gottes den Propheten bei den Haaren und beginnt mit ihm einen Rundgang durch den Tempel. Am nördlichen Tor zum inneren Vorhof stand die Götzenstatue der Aschera, eine Fruchtbarkeitsgöttin der Kanaaniter, deren Verehrung mit Prostitution und Pornografie verbunden war (Hes 8,3.5). An dieser Stelle sollten eigentlich Wächter des Tempels Dienst tun, um alles Unheilige und Unreine aus dem Tempelbereich fernzuhalten. In 1Thes 4,3.4.7 wird Heiligung explizit erwähnt und das im Zusammenhang mit der Enthaltung von sexuellen Sünden. Nicht umsonst hat kultischer Götzendienst eigentlich immer mit moralischer Entartung zu tun. Röm 1 lehr uns, dass die Aversion gegen Gott zur Perversion gegen die Moral führt.
In einem Mauerteil des Vorhofes zeigt Gott dem Hesekiel Schlimmeres als das: Der Prophet wird in eine verborgene Kammer geführt, in der die 70 Ältesten Israels mit ihren Räucherpfannen einem ganzen Sammelsurium von Götzen ihre Anbetung erweisen (8,11), schön versteckt, quasi anonym. Die Götzenanbetung geschieht Mauer an Mauer mit dem dreimal heiligen Gott! Unglaublich und unfassbar! Blind vor Bosheit und Verblendung reden sie sich ein: „Jahwe sieht es nicht, Jahwe hat das Land verlassen!“, als gäbe es so etwas wie Anonymität vor dem allwissenden Gott. Als ob das nicht schon genug „Schmutz“ wäre, sieht Hesekiel im inneren Vorhof Frauen sitzen, die einen rituellen Gottesdienst für den Tammuz abhalten, einen babylonischen Vegetationsgott, dessen Auferstehung sie jährlich zum Frühling feierten (8,14). Was ein Hohn, wo doch alles Leben von dem kommt, der das Leben ist. Schließlich führt ihn der Geist Gottes zwischen den Brandopferaltar und die Vorhalle. Dort stehen 25 Männer und fallen Richtung Osten vor dem Sonnengott (8,16) nieder. Erst ab Kapitel 9 verlässt die Herrlichkeit Gottes diesen abscheulichen Ort und schließlich die Stadt. Aber bis dahin hält Gott die Provokationen und Beleidigungen seiner unantastbaren Heiligkeit aus. Tag für Tag, Woche für Woche und Jahr für Jahr, bis eben zu diesem Zeitpunkt. Um im Bild des Hochreinraumes zu bleiben: Es waren nicht nur ein paar Schwebteilchen im Raum, er war noch nicht einmal nur normal verschmutzt – er war schwarz vor Staub und Dreck, ein normales Atmen war gar nicht mehr möglich, Lungenschädigung garantiert. Aber Gott hält das aus.

Ein umkämpfter Ort
Der Tempel Israels bleibt – wie unser Herz – ein umkämpfter Ort. Neuanfang, Vernachlässigung, Verunreinigung, Reinigung und Erneuerung wechseln sich immer wieder ab. Immer wieder werden in der Geschichte der Könige Israels die Priester-, Sänger- und Wächterdienste zunächst vernachlässigt, bis es eine nächste Reform gibt. Manchmal vergehen zwischen Neuanfang und Verfall nur wenige Jahre.
Neuanfänge sind in der Heiligung immer wieder nötig, und vielleicht hilft uns ein Mann, der damit Erfahrung hatte. Nach dem großen Neuanfang unter Nehemia und Esra dauert es nicht lange, bis der nächste Neuanfang erfolgen muss. Kaum hat Nehemia für ein paar Jahre das Land verlassen, denkt wieder jeder nur an sich und tut das, was er für richtig hielt. Die Begeisterung des Tempel- und Mauerbaus ist vergessen, als hätte es das nicht gegeben. Aus Nehemia 13 lernen wir, worauf wir achten sollten, um ein Leben in der Heiligung nicht auf sandigem Boden zu bauen:

1. Manches Aufräumen ist richtig schwer (13,1-3).
Beim Lesen des Gesetzes kommt das Volk an die Stelle, wo Ammonitern und Moabitern die Zugehörigkeit zur Gemeinde untersagt wird. Sie hatten sich damals geweigert, Israel mit Brot und Wasser zu versorgen. Es kommt zu einem klaren Cut, die Fremden werden weggeschickt. Das waren schmerzhafte Entscheidungen, aber sie waren extrem wichtig und heilsam. Manche Entscheidungen werden uns wehtun und einiges abverlangen. Aber besser ein schmerzhaftes Ende als Schmerzen ohne Ende.

2. Prioritäten offenbaren die Haltung (13,4-13).
Tobija, der Verwandte des Priesters Eljaschib und erklärter Feind der Juden, zieht aus Gefälligkeit in den Tempel ein, die Vorräte für die Priester und Leviten müssen dafür weichen. Gefälligkeiten und Treue im Dienst sind hier unvereinbar. Wahrscheinlich hatte zuerst der Gottesdienst aufgehört, dann wurden die Vorräte für die Priester und Leviten nicht mehr gebraucht, dann wurde der Vorratsraum „effizient“ anderweitig genutzt. Nehemia „reinigt“ den Raum für seine ursprüngliche Aufgabe und schmeißt Tobija raus (13,8). Er setzt die Prioritäten richtig. Wir können jeden Augenblick entscheiden, welche Gedanken unseren Kopf ausfüllen. Sind es Gedanken des Friedens, der Freude, des Gebets? Unser Herzensraum sollte ein Lagerplatz für gute Gedanken und Gottes Wort sein.

3. Ruhe und Besinnung sind ständig umkämpft (13,15-22).
Statt Ruhe und Besinnung herrschte in Jerusalem geschäftiges Treiben. Dass der Sabbat ein Ruhetag sein sollte, wird allenthalben ignoriert. An die Stelle von Besinnung und Stille treten Arbeit und Konsum. Erkennen wir uns da wieder? Wenn uns die Ruhe und Besinnung abhandenkommen, verlieren wir leicht den Fokus auf das Wesentliche. Wir brauchen regelmäßig smartphonefreie Zeiten, ganz ohne Ablenkung, ohne Kopfhörer, keine Musik beim Autofahren und Unterhaltung vor dem Schlafengehen. Halten wir das überhaupt noch aus?

4. Hinken auf beiden Seiten führt zum Identitätsverlust der Kinder (13.23-27).
Die Entscheidung einiger Juden für ausländische Frauen führt dazu, dass ihre Kinder kein hebräisch mehr sprechen und sich so auch nicht mehr mit der jüdischen Kultur identifizieren können. Frömmigkeit und Heidentum vertragen sich nicht. Paulus gebraucht ein Bild aus der Landwirtschaft: Ein Esel und ein Ochse können nicht gemeinsam einen Pflug ziehen (2Kor 6,14). Die völlig unterschiedlichen Arbeitsweisen der Tiere führt zu gegenseitiger Behinderung bei der Arbeit. Kinder müssen Eltern „mit einer Stimme“ sprechen hören: für die Gemeinde, für Gottes Wort, für Familie, für ein Leben in Mäßigung und Bescheidenheit. Wir müssen in den Gemeinden und Ehen mit einer Stimme sprechen, wenn wir Kinder in einer Konsumgesellschaft noch prägen wollen.
Am Ende von Neh 13 heißt es, dass das Volk von fremden Einflüssen gereinigt wurde und die Priester und Leviten wieder ihren Pflichten nachkamen. Die Ordnung war wiederhergestellt, sie hatten sich geheiligt. Das erforderte enormen Eifer und echte Opfer, der Lohn aber war ein aufgeräumtes „Haus“, eine Atmosphäre der inneren Ordnung und Ruhe im rechten Verhältnis zu Menschen und Gott. Und danach lohnt es sich zu streben.
Ingo Krause

P 2019 4

Rezension

  • Gemeinde nach dem Neuen Testament (Johannes Warns), Rezension: Dieter Ziegeler

aktuelles

  • Die Kakophonie der Uneinheitlichkeit (Waldemar Grab)
  • Mit Streiks die Erde retten? (Reinhard Junker)

denken

  • Wenn du vollkommen sein willst... (Berthold Schwarz)
  • Wirklich glücklich (Johannes Gerloff)
  • Was ist die Sünde gegen den Heiligen Geist? (Arno Hohage)
  • Im Glauben ist der Lack nie ab (Thomas Lauterbach)

glauben

  • Ein Meisterstück (Dieter Ziegeler)
  • Schwarz wie Kohle... (Ingo Krause)
  • Begeistert nachfolgen (Hildegund Beimdieke)

leben

  • Ich bin nicht besser! (Gottfried Schauer)
  • Aufstehen! (Martin von der Mühlen)
  • Zwischen Selbsthass und Selbstliebe (Dr. Martin Steinbach)
  • Eine heilige Gemeinschaft der Sünder (Dr. Gerd Goldmann)
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

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