PERSPEKTIVE September - Oktober 2019

Die Mauer ist weg!
Wie Gott uns durch Christus nahegekommen ist


Das Ende der Geschichte
„Wir sind grenzenlos! So viel Hoffnung war noch nie. Wo noch Grenzen stehen, lasst uns drüber sehen. Und stärker sein.“ Bis heute habe ich dieses eingängige Lied der „Novemberkinder“ im Ohr. Als 1989 die Friedliche Revolution in der DDR die Mauer zwischen Ost und West hinwegfegte, schien ein neues Zeitalter anzubrechen. Scheinbar unversöhnliche Gegensätze lösten sich auf. Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama rief nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gar das „Ende der Geschichte“ aus, wie wir sie bisher kannten.
30 Jahre später ist diese Euphorie verflogen. Meterhohe Zäune zwischen Staaten haben Konjunktur, und in unserem Land ist der Ruf zu hören, die Mauer zwischen Ost und West müsse wieder hochgezogen werden.
Abgrenzen, ausgrenzen, den Wert der eigenen Person, Nation, Rasse, Ideologie über den der anderen stellen, das scheint typisch menschlich zu sein.

Die Bibel führt diese Abwertungen des anderen auf eine andere, viel tiefer liegende Trennung zurück: die Abwendung von Gott, unserem Schöpfer. Wir Menschen entheiligen den wahren Gott, beten andere Götter an oder machen uns selbst Gott gleich – und werden durch unsere Selbstzentriertheit unfähig, in dauerhaften harmonischen Beziehungen mit anderen zu leben.
Für den Propheten Jesaja ist klar, wer die Verantwortung trägt:
„Eure Vergehen sind es, die eine Scheidung gemacht haben zwischen euch und eurem Gott, und eure Sünden haben sein Angesicht vor euch verhüllt, dass er nicht hört.“ (Jesaja 59,2)
Deshalb erleben Menschen die Gegenwart des durch und durch guten und heiligen Gottes nicht nur als etwas Fremdes, zu dem sie nicht passen, sondern auch als bedrohlich. Das trifft auf zahlreiche Begegnungen im Alten Testament zu, setzt sich aber auch im Neuen fort: Petrus bittet Jesus, sich von ihm zu entfernen, Paulus wird blind, als er dem Auferstandenen begegnet, und Hananias und Saphira fallen sogar tot um, weil sie Gott, den Heiligen Geist, betrogen haben.
Doch Gott sei Dank ist das kein endgültiges Schicksal. Denn das Ende der Geschichte und der Beginn des neuen Zeitalters wurden bereits vor 2000 Jahren ausgerufen. Der Apostel Paulus beschreibt die größte Revolution aller Zeiten so:

„Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch das Blut des Christus nahe geworden.
Denn er selbst ist unser Friede. Er hat aus beiden eins gemacht und die Zwischenwand, die Mauer der Feindschaft, in seinem Fleisch abgebrochen.
Er hat das Gesetz beseitigt, um die zwei – Frieden stiftend – in sich selbst zu einem neuen Menschen zu schaffen und die beiden in einem Leib mit Gott zu versöhnen durch das Kreuz, durch das er die Feindschaft getötet hat.
Und er kam und hat Frieden verkündigt euch, den Fernen, und Frieden den Nahen.
Denn durch ihn haben wir beide durch einen Geist den Zugang zum Vater.“ (Eph 2,13-18)

Heiligkeit sucht Nähe
Wenn sich eine Verletzung schlimm entzündet hat, gibt es drei Möglichkeiten:
a) Man wendet sich ab und lässt alles, wie es ist. Die Entzündung breitet sich weiter aus, irgendwann stirbt das Körperteil oder der ganze Mensch.
b) Man verbindet die Wunde, sodass sie nicht mehr offen liegt. Doch auch in diesem Fall werden die Keime weiter ihr Unwesen treiben und unter der sauberen Oberfläche des Verbandes zum Tode führen.
c) Die sinnvolle Behandlung besteht in einer genauen Diagnose der Krankheit, einer gründlichen Desinfektion und schließlich dem Anlegen des Verbandes.
Im deutschen Begriff „Heiligkeit“ stecken auch die Worte „Heil“ und „heilen“. Gottes Heiligkeit diagnostiziert den Schaden schonungslos, in seiner Gegenwart wird das Böse der Sünde in aller Deutlichkeit sichtbar. Aber all das geschieht mit der Absicht, den Schaden zu heilen.
Gott ist heilig, das heißt: Gott ist durch und durch gut, Gott ist vollkommen, Gott ist rein, Gott ist Licht, Gott ist gerecht, Gott ist der Erhabene. Und zugleich schließt seine Vollkommenheit auch vollkommene Liebe ein. Darum sucht er in seiner Heiligkeit die Nähe und das Wohl des unheiligen Menschen.
Schon im Alten Testament wird Gottes Heiligkeit mit Rettung in Verbindung gebracht:
„Fürchte dich nicht, du Wurm Jakob, du Häuflein Israel! Ich, ich helfe dir, spricht der HERR, und dein Erlöser ist der Heilige Israels.“ (Jesaja 41,14)
Wenn Paulus nun im Epheserbrief darüber schreibt, wie die Trennung des Menschen von Gott endgültig überwunden wird, dann macht er zum einen deutlich: Diese Zusage an Israel gilt jetzt für alle Menschen. Zum anderen betont er: Die Initiative und Vollendung liegen ganz bei Gott und seinem Sohn Jesus Christus. „Er selbst ist ..., er hat ..., er kam ... durch ihn ...“
Im Gegensatz zu anderen Konzepten von Heiligkeit zeigt sich Gottes Heiligkeit gerade darin, dass er alles in Bewegung setzt, um Menschen zu suchen, die eigentlich das Gegenteil seines guten und gerechten Wesens verkörpern, ja, ihm sogar feindlich gegenüberstehen. Er will sie mit sich und seiner Heiligkeit versöhnen, d. h. sie auch heilig, gerecht und vollkommen machen.

Gott tötet die Feindschaft
Jesus ist der Heilige Gottes, der den Maßstab (und damit den Abstand zwischen Mensch und Gott) verkörpert, aber zugleich die Nähe Gottes auf unvergleichliche Weise deutlich macht. Der Sohn Gottes kommt gerade den damals als am unheiligsten geltenden (d. h. nicht zu Gott passenden) Menschen nahe. Er berührt den Aussätzigen, er lässt sich von der blutflüssigen Frau anfassen, er hat Gemeinschaft mit den Zöllnern und Prostituierten, er holt die Blinden und Lahmen in den Tempel.
Und nachdem er die Nähe Gottes zeichenhaft demonstriert hat, schafft er schließlich durch sein Sterben und Auferstehen die Grundlage für diese Versöhnung.
„Durch das Blut Christi ... in seinem Fleisch ... durch das Kreuz“, erklärt Paulus, hat Jesus den Friedensvertrag zwischen Menschen und Gott besiegelt.
Am Kreuz verurteilt Gott, der Vater, die Sünde aufs Schärfste und hält über sie Gericht.
Am Kreuz schafft Gott, der Sohn, die Sünde stellvertretend für uns aus der Welt, indem er sie auf sich nimmt und dieses Urteil trägt.
Es ist der eine Gott, der seiner Heiligkeit und seiner Liebe gerecht wird, indem er sich auf beide Seiten stellt und damit die Brücke möglich macht, die Menschheit und Gottheit jetzt verbindet.
„Christus kam und hat Frieden verkündigt“, schreibt Paulus. Jeder (ob fern oder scheinbar nah), der dieses Friedenangebot annimmt, entgeht den Folgen seiner Sünde, dem ewigen Tod, und hat stattdessen Zugang zu Gott, dem Leben in unendlicher Fülle. Gott tötet nicht seine Feinde, Gott tötet die Feindschaft von uns Menschen gegen ihn.

Nah bei Gott – nah bei den Menschen
In faszinierender Weise verbindet Paulus die Versöhnung der Menschen mit Gott mit der Versöhnung untereinander. Denn die Selbsthingabe seines Sohnes gilt nicht nur den Juden, sondern auch den nichtjüdischen Völkern: Weil beide nur durch den Messias Jesus nahe zu Gott gekommen sind, gehören sie jetzt zusammen. Sie bilden eine Familie, die neue Menschheit.
Denn das Ziel ist nicht nur, einzelne Sünder wieder in die Nähe Gottes zu bringen. Es geht auch darum, dass Menschen sich gegenseitig nahekommen, in liebevollen Beziehungen leben, füreinander da sind. Dass die Barrieren, die uns voneinander trennen, abgerissen werden. Wie bei den Speichen eines Rades gilt: Je näher wir Christus, der Mitte, dem Ursprung unserer Versöhnung mit Gott, kommen, umso näher kommen wir auch allen anderen, die mit dieser Mitte verbunden sind.
Deshalb muss Gemeinde, die Jesus nachfolgt, immer auch ein Beispiel dafür sein, dass die Trennung zwischen Rassen, Kulturen, sozialen Schichten oder Geschlechtern überwunden werden kann. Trotz positiver Beispiele in der Geschichte ist das Christentum dieser Dimension der Versöhnung nicht immer gerecht geworden, sondern hat sich der gesellschaftlichen Realität angepasst, sie manchmal sogar verstärkt.
„Wir sind grenzenlos! So viel Hoffnung gab‘s noch nie.“ Da würde Paulus sicher mitsingen. Nicht, weil wir auf uns vertrauen, sondern weil Gott in Christus war, die Welt mit sich selbst versöhnte und uns den Auftrag der Versöhnung gegeben hat (2Kor 5,19).

Andreas Schmidt

P 2019 5

Rezension

  • KEIN GRUND ZUR SKEPSIS / Stefan Gustavsson (Ralf Kaemper)

aktuelles

  • WER EIN ZIEL HAT, GEHT ANDERS (Waldemar Grab)
  • EVANGELIUM STATT ZIVILRELIGION

denken

  • IST DIE BIBEL HEILIG? (Karl-Heinz Vanheiden)
  • DER ERSTE SCHRITT ZUM GLÜCK (Johannes Gerloff)
  • SCHARIA: RECHTS- UND LEBENSNORM (Harald Seubert)
  • BESONDERE ERFAHRUNGEN MIT GOTT (Ron Kubsch)

glauben

  • GOTT IST HEILIG (Andreas Ebert)
  • DIE MAUER IST WEG! (Andreas Schmidt)
  • HEILG, HEILIG, HEILIG (Martin von der Mühlen)
  • VOM GLÜCK, GOTT ZU KENNEN (Johannes Heinrich)

leben

  • DIE NEUE FAMILIE GOTTES (Martin Flache)
  • EINE NAHBARE UND HEILIGE GEMEINSCHAFT (Henrik Homrighausen)
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

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