PERSPEKTIVE November - Dezember 2019

Den Himmel vor Augen

Im April schreibt eine unserer 9. Klassen einen Englischtest. Gilana* (Name geändert) arbeitet nicht am Test. Stattdessen schreibt sie unentwegt Zeile um Zeile auf ein leeres Blatt Papier. Ich bitte sie, mir das Blatt zu geben und sich der Englischarbeit zuzuwenden. Sie rückt das Papier nicht heraus. Ich wiederhole meine Aufforderung. Gilana schweigt und hält das Blatt zitternd und verkrampft mit beiden Händen fest. Erst nach der dritten Ermahnung lässt sie los.

In der Pause lese ich, was sie auf zwei DIN-A-4-Seiten, in sauberer Druckschrift, zu Papier gebracht hat. Es ist eine Fiktion, die Beschreibung eines Traumes, der die Realität ihres inneren Gemütszustandes und ihre Hoffnungslosigkeit spiegelt. Sie schreibt:

„Heute Morgen ging ich in die Küche. Es ist schon halb acht. Meine Mutter hat wieder vergessen, mich zu wecken und mir Essen zu machen. Ich mache mir Essen.Meine Mutter kommt in die Küche. Sie fragt mich: ‚Was machst du hier?‘Ich antworte darauf: ‚Geht dich nichts an!‘Sie schlägt mich, sagt: ‚Geh einfach weg, ich will dich nicht mehr sehen!‘Ich ging in mein Zimmer, packte meine Sachen und ging die Haustür raus. Ich wusste nicht, wohin mit mir. Ich habe eine Bank gesehen, legte mich darauf. … Ich wünschte, ich könnte meiner Mutter meine Meinung erzählen, doch sie lässt es nie zu, sie hilft mir nie. Einmal, da habe ich sie gefragt, ob ich sterben gehen darf. Sie meinte: ‚Mach doch, was du willst. Mich juckt es nicht.‘Sie mag mich nicht mehr. Ich bin ihr einfach nur … egal! … Ich ging zu einer Freundin. Sie macht mir die Tür auf. Ich ging in ihr Haus … und habe angefangen zu weinen. Sie fragte mich, was los ist.Ich sagte: ‚Ach, das Leben ist … egal, alles ist … egal. Ich gehe einfach sterben.‘Sie meinte: ‚Was … sterben? Bist du dumm?‘Sie ging schlafen. … Ich ging zum Balkon und sprang runter. Die Freundin wachte auf, weil sie einen lauten Knall gehört hatte. Sie sah aus dem Fenster in die Tiefe …

Ich wachte auf. Es war alles nur ein Traum.“

Gilanas Traum ist, wie ich in den nunmehr 30 Jahren meines Lehrerdaseins immer wieder habe feststellen müssen, oftmals die Projektion einer brutalen Realität. Kein Anker im Heute, keine Hoffnung auf ein Morgen. Es ist ein Beispiel der grausamen Perspektivlosigkeit unserer Zeit. Kein Paradies vor Augen, keinen Himmel im Visier.

Grauenvoller Tod im MinutentaktWährend ich diese Zeilen schreibe, schubst im Frankfurter Hauptbahnhof ein Mann eine Mutter mit ihrem achtjährigen Sohn vor den einfahrenden Zug. Gekannt hat er die beiden nicht. Zufallsopfer. Die Mutter kann sich rechtzeitig aus dem Gleisbett retten, der Achtjährige Leo S. wird von dem einfahrenden Zug erfasst und erliegt noch am Tatort seinen Verletzungen. Alle Hoffnungen begraben.Während ich diese Zeilen schreibe, spitzt sich die Tankerkrise in der Straße von Hormus am Persischen Golf zwischen den USA und dem Iran von Stunde zu Stunde zu. Die Lunte zündelt schon. Kaum noch Hoffnung.Während ich diese Zeilen schreibe, erreicht mich die Nachricht, dass ein ehemaliger Kollege, gerade zwei Jahre in Pension, unheilbar an Krebs erkrankt ist und der Arzt ihm noch maximal drei Monate gibt. Nun hat er sich in sein Wohnmobil gesetzt und fährt die letzten Wochen seines Lebens durch die Lande. Keine Hoffnung mehr.

Hoffnungsschimmer in der NachtAls Christen jedoch dürfen und müssen wir nicht verzagen. Wir haben eine starke Hoffnung, über alles Verwehen und Vergehen hinaus. Sie liegt in der Zukunft, im Jenseits. Erkauft auf dem Hügel Golgatha durch Jesus Christus, der durch seinen Tod das Tor der Hoffnung zum Himmel geöffnet hat. Wer das glaubt, dem gilt die sichere Zusage des Sohnes Gottes: „Du wirst mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43).Aber es ist eine Zusage auf die Zeit nach der Zeit. Wir sind „geerdet“ genug, das sündenbedingte Chaos im Hier und Jetzt als Realität zu akzeptieren. Wir ignorieren nicht, dass es ein Leben vor dem Tod gibt, aber hier suchen und finden wir kein Paradies, keine „Zukunft, an die wir glauben können“, wie es der unabhängige Präsidentschaftskandidat in den USA, Bernie Sanders, als Motto für seinen Wahlkampf ausgegeben hat. Der Himmel auf Erden bleibt eine „Utopie“, ein „Nicht-Ort“.

Unsichtbares ÜberunsAber wir sind für einen außergewöhnlichen Ort, ein „Überuns“, das himmlische Paradies, errettet worden, so wie es Paulus an die Römer schreibt: „Denn in Hoffnung sind wir errettet worden. Eine Hoffnung aber, die gesehen wird, ist keine Hoffnung; denn was einer sieht, was hofft er es auch? Wenn wir aber das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir mit Ausharren“ (Röm 8,23.24). Im Klartext heißt das: Wir sind noch nicht da. Dieser Ort kommt erst noch. Auf das Beste warten wir noch. Bis es so weit ist, sind wir mittendrin im auseinanderbrechenden Weltgefüge, und zwar als solche, die nicht „von der Welt“, sondern nur noch „in der Welt“ sind (Joh 17,11-16). Wir sind gewissermaßen auf dem Durchmarsch, getragen und angespornt von der Hoffnung auf die kommende, jenseitige Himmelswelt, unserem Sehnsuchtsort.

Pilgrim’s ProgressDiese gesamte Hoffnungshaltung ließe sich auch in nur einem Wort zusammenfassen: Pilgerschaft. Ein nur noch selten verwendetes Wort in der Alltagssprache des 21. Jahrhunderts. Eine scheinbar aus der Zeit gefallene Begrifflichkeit, die jedoch wie kaum eine andere Formulierung die Zeitlosigkeit jenseits der Zeit zum Ziel hat. Ein Pilger (wörtlich: „Fremdling“, von lat. „peregrinus“) ist ein Wanderer im Glauben, der das Leben als die vergleichsweise kurze Durchzugszeit zur Hoffnung der himmlischen Herrlichkeit versteht. Er befindet sich lediglich auf der Durchreise (1Petr 2,11a; Hebr 11,13-16).Als der englische Kesselflicker und spätere Baptistenprediger John Bunyan (1628–1688) nicht bereit war, sich der anglikanischen Kirche zu unterwerfen und das Predigtverbot für Nonkonformisten zu beachten, brachte ihm dies zwölf Jahre Haft ein. Während seiner Zeit im Gefängnis schrieb er das Buch „Die Pilgerreise“, eine allegorische Darstellung des Weges eines Christen von seiner Bekehrung bis zu seinem Einzug in den Himmel. Das 1678 erschienene Werk gilt bis heute als Klassiker der Weltliteratur. Der Originaltitel fasst den Weg eines Pilgers in nur wenigen Worten treffend zusammen als „Des Pilgers Reise von dieser Welt zu der, die da kommen wird“ („The Pilgrim’s Progress From This World To That Which Is To Come“). Bunyan beschreibt in einer Vielzahl von Bildern die widrigen Umstände während der Welt-Wanderschaft der Hauptperson des Buches, eines Gläubigen mit dem programmatischen Namen „Christ“. Alle Nöte und Anfechtungen, alle Kämpfe und Widerwärtigkeiten werden für Christ und seine Mitpilger zu einer zeitlichen Leichtigkeit angesichts des ewigen Gewichts des angestrebten Ziels.

Feste Haltung und leichtes GepäckEine solche Haltung gibt dem in Christus Reisenden Standhaftigkeit und Sicherheit, weil er eben „nicht das anschaut, was man sieht (Welt im Chaos), sondern das, was man nicht sieht (Himmel in Herrlichkeit); denn das, was man sieht (Welt im Chaos), ist zeitlich, das aber, was man nicht sieht (Himmel in Herrlichkeit), ewig“ (2Kor 4,18).Und weil das so ist, kann der hoffnungsvolle Blick nach vorne große Auswirkungen auf den Glauben und das Leben hier und heute haben. Auch das hatte John Bunyan in seiner Titelgebung offenbar schon im Blick, denn er nannte sein Buch nicht „Die Pilgerreise“ („pilgrimage“), sondern „Des Pilgers Fortschritt“ („progress“ – „Fortschritt“, „Voranschreiten“).

HenochEs gibt wohl kaum ein besseres biblisches Beispiel für einen Gläubigen, der von der zukünftigen Herrlichkeit so ergriffen war, wie Henoch. Von ihm heißt es lapidar: „Und Henoch wandelte mit Gott“ (1Mo 5,24), doch dadurch ging er von Fort-Schritt zu Fort-Schritt. Sein gesamtes Glaubensleben fand eine neue Ausrichtung. Henoch lebte in den Tagen Noahs – einer ähnlich katastrophalen Zeit wie der heutigen. Jedoch verzagte er nicht, im Gegenteil. Sein Glaubensprogramm war denkbar einfach: „Ich gehe mit Gott zu Gottes Herrlichkeit“, und genau dahin nahm Gott ihn dann auch durch Entrückung mit.Wer mit Gott, wer mit Jesus zum Himmel unterwegs ist, beginnt ihn zu sehen, wie er ist, „erkennt, dass er Gott ist“ (Ps 46,11). Wer mit Gott, wer mit Jesus zum Himmel unterwegs ist, kommt weiter weg von Sünde und Verderben, weil er „sich Gott naht und Gott sich ihm naht“ (Jak 4,7).Wer mit Gott, wer mit Jesus zum Himmel unterwegs ist, gewinnt Abstand zum Sinnlosen und Zeitlichen, indem ihm bewusst wird, was auf der Pilgerreise hemmt und aufhält und als überflüssiges Gepäck abgeworfen werden muss, „indem er jede Bürde ablegt … und mit Ausharren läuft den vor ihm liegenden Wettlauf“ (Hebr 12,1).

Die Erkenntnis des Rabbi ChaimIm 19. Jahrhundert lebte in Polen ein bekannter Rabbi mit Namen Yisrael Meir Kagan (1839–1933), auch Rabbi Hofetz Chaim genannt. Zu ihm kam eines Tages ein Besucher, um einen Rat von ihm zu erbitten. Als der Mann sah, dass die Wohnung des Rabbi aus einem winzigen Zimmer bestand, in dem sich nur eine Bank, ein Tisch mit Stuhl und viele Bücher befanden, fragte er den Rabbi verwundert:„Meister, wo haben Sie Ihre Möbel und den Hausrat?“„Wo haben Sie Ihren?“, erwiderte der Rabbi.„Meinen?“, fragte der verblüffte Fremde. „Ich bin doch nur auf der Durchreise.“„Ich auch!“, sagte der Rabbi.

„Fridays for Future“Wer mit Gott, wer mit Jesus zum Himmel unterwegs ist, erkennt schließlich seine Verantwortung und den sich daraus ergebenden Handlungsbedarf für sein Umfeld. Aus dem Wandel mit Gott und mit dem Blick auf die kommende Herrlichkeit wird Henoch zum Prediger des Wortes Gottes, zuerst durch sein Leben, sodann durch seine Rede, indem ihm mehr denn je bewusst wird, dass auch die Nicht-Gläubigen auf eine ewige Zukunft zugehen, aber keine, die von Hoffnung geprägt wäre, sondern eine, die von ewiger Qual und Pein durchzogen sein wird. Und so mahnt und warnt Henoch: „Siehe, der HERR ist gekommen …, Gericht auszuführen wider alle und völlig zu überführen alle Gottlosen von allen ihren Werken der Gottlosigkeit“ (Jud 14.15). Es ist nicht unser Auftrag, mit Greta Thunberg bei den wöchentlichen „Fridays for Future“ unsere Welt-Klima-Bedingungen zu verbessern. Es ist nicht unser Auftrag, mit Rezo digitale Politik zur Veränderung der Mehrheitsverhältnisse zu betreiben. Wir sind (wie Henoch) vielmehr berufen und gerufen, während unserer Pilgerschaft „tadellos und lauter zu sein, unbescholtene Kinder Gottes, inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts“ und so als Wegweiser unter den Menschen „zu scheinen wie Lichter in der Welt“ (Phil 2,15). Nicht „Fridays for Future“ sind angesagt, sondern unser hoffnungsgeprägter „Faith for Future“ („Glaube an die Zukunft“) ist gefragt.

Hoffnung im Angesicht des TodesIn der englischen Grafschaft Derbyshire gibt es ein kleines Dörfchen mit dem Namen „Hope“ („Hoffnung“). Bezeichnenderweise steht das Ortseingangsschild mit diesem Namen direkt neben dem Friedhof. Es gibt Hoffnung, lebendige Hoffnung über den Tod hinaus. Für Gilana, für meinen an Krebs erkrankten Kollegen, für dich und für mich, für alle Menschen.Der Theologe Helmut Frey (1901–1982) schrieb dazu: „Mitten in der Welt, die zur Rückkehr zum Staube verflucht ist, (gibt es) Heimkehr in die Heimatwelt des Himmels. … Aus diesem verfluchten Todestal wendet sich der todtraurig und hoffnungslos zum Staube gerichtete Blick der Menschheit wieder zum Himmel. (Es) folgt ihm die sehnsüchtige Hoffnung der Menschheit und hört nicht auf, droben die kommende Heimat zu ahnen, bis diese Sehnsucht … schließlich in Jesus … Gewissheit und Erfüllung findet.“ Wenn jener Tag kommt, wird sich alle irdische Hoffnung in himmlische Realität verwandeln. Dann wird Gott jede unserer Tränen abwischen, wird es keine Jugendliche mehr geben, die sich vom Dach stürzen möchte; keine Krankheit, die den Menschen hinwegrafft, keinen Tankerkrieg, keine Vergewaltigung, keinen Menschenhandel, keine Folter. Es wird keinen Hunger und keinen Durst mehr geben, keine Lüge, keinen Fluch, kein Geschrei, keine Schmerzen, keine Nacht, keinen Tod, keine Trauer, keine Verwesung, keine Verdammnis.Mein Kollege ist am ersten Freitag im August verstorben. Ich habe für ihn gebetet. Ich wünsche mir so sehr, dass er „die glückselige Hoffnung … der Herrlichkeit“ (Tit 2,13) gefunden hat und ich ihn auf der anderen Seite wiedersehen darf!Bis wir dort ankommen werden, erheben wir jeden Tag neu – in Hoffnung und Glauben – unseren Blick über alle Täler des Todesschattens hinaus zur ewigen Herrlichkeit Gottes, zu „unserem Bürgertum in den Himmeln, von woher wir … unseren Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten“ (Phil 3,20).

Martin von der Mühlen

 

pp-6-2019

Rezension

  • DER KOMMENDE ABFALL VOM GLAUBEN (Dieter Ziegeler)

aktuelles

  • MARSCH FÜR DAS LEBEN in Berlin
  • KOMM ZUR KRIPPE (Alexandra Kaemper)

denken

  • JESUS CHRISTUS - GOTT UND MENSCH (Daniel Brust)
  • EINE HERRLICHE ERNIEDRIGUNG (Dieter Ziegeler)
  • DAS KREUZ STÖRT (Ralf Kaemper)

glauben

  • DEN HIMMEL VOR AUGEN (Martin von der Mühlen)
  • FÜR DEN HIMMEL GEMACHT (Manuel Lüling)
  • UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBST (Alexander Rockstroh)
  • DEMUT MACHT SYMPATHISCH (Matthias Dannat)
  • AUF DEN INHALT KOMMT ES AN (Magdalene Ziegeler)
  • AUSRICHTUNG AUF DAS ZIEL /Psalm 1 Teil 2 (Johannes Gerloff)
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

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