PERSPEKTIVE Januar - Februar 2020

Gott mit ganzem Denken liebenWie passt das zusammen? Denken, oder der Verstand, und die Liebe zu einer Person? Mit Liebe verbinden wir doch eher Gefühle als den Verstand! Wir ordnen sie dem Herzen zu, nicht dem Gehirn. Wie kann man jemanden mit seinem Denken lieben? Und vor allem: Wie kann man Gott mit seinem Denken lieben?Die Überschrift ist Teil eines Zitates aus der Bibel. Jesus antwortet damit auf die Frage eines Schriftgelehrten nach dem wichtigsten Gebot im Gesetz: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand“ (Mt 22,37).Es geht also nicht nur um den Verstand, sondern auch um das Herz und die Seele. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Was bedeutet das? Unsere Liebe zu Gott soll sich nicht auf die emotionale Ebene beschränken, sondern unsere ganze Person einbeziehen. Dazu gehört neben dem Herzen, dem Zentrum der Gefühle, auch unser Gehirn, der Sitz des Verstandes. Die Seele spiegelt beiden Seiten des Menschen wider, sowohl die emotionale als auch die rationale. Dem Duden nach ist sie „die Gesamtheit dessen, was das Fühlen, Empfinden und Denken eines Menschen ausmacht“. Der Vers macht deutlich, dass Gott nicht nur von einem Teil von uns geliebt werden will. Ihm geht es um eine Beziehung mit der ganzen denkenden und fühlenden Person! Gerade in unserer Zeit versucht man sich Gott eher emotional zu nähern. Man hört immer mal wieder, dass Gott viele Möglichkeiten hat, uns Menschen zu begegnen. Es ist egal, ob wir ihm in der Natur, im Lobpreis, in der Gemeinde oder in seinem Wort begegnen. Hauptsache, wir sind offen für sein Reden. Weil Gott groß ist, können wir ihn nicht zwischen die zwei Buchdeckel der Bibel einsperren. Und weil Gott erfinderisch ist, spricht er Menschen auf unterschiedliche Weise an. Jeder kann Gott auf eine Art wahrnehmen, die zu ihm passt. Schließlich liest nicht jeder Mensch gerne. Da wäre es doch ungerecht, wenn die Bibel die einzige Möglichkeit ist, Gott zu begegnen. Für manchen ist ein langer Spaziergang an der frischen Luft befreiender als das Sitzen und Lesen in Gottes Wort. Andere erleben in der Musik eine Berührung Gottes, die sie in der Stillen Zeit nicht erfahren. Die Sehnsucht ist groß, Gottes Nähe zu spüren und ihn mit allen Sinnen zu erfahren. Und sie wird eher durch das aufregende Erleben des Übernatürlichen gestillt als durch das Lesen der Bibel. Es ist richtig, dass Gott Menschen auf unterschiedliche Weise begegnet. Die Bibel (und unsere Gemeinden) ist voller Erzählungen von Menschen, die Gott begegnet sind. Wir erfahren, wie sie mit ihm gelebt und was sie mit ihm erlebt haben. Und keine gleicht der anderen!Gottes Wort selbst sagt, dass Menschen Gott in der Schöpfung entdecken können: „Denn seine unsichtbare Wirklichkeit und seine ewige Macht und sein göttliches Wesen sind seit Erschaffung der Welt in seinen Werken zu erkennen. Die Menschen haben also keine Entschuldigung“ (Röm 1,20). Die Schöpfung spiegelt etwas von Gottes Macht und seinem Wesen wider. Sie weckt in uns die Ahnung, dass es einen Gott geben muss. Die Schönheit eines Sonnenuntergangs am Meer oder der weite Blick vom Gipfel eines Berges lassen uns über Gottes Größe staunen. Aber zum Christsein gehört mehr, als sich nur Gottes Existenz und seiner Macht sicher zu sein: „Du glaubst, dass es nur einen Gott gibt. Gut! Aber die Dämonen glauben das auch – und zittern vor Angst (Jak 2,19).“ Ist der Wunsch falsch, Gott spürbar zu erfahren? Nun, er ist menschlich. Wir haben ja schon festgestellt, dass zu uns Menschen auch unsere Gefühlswelt gehört. Und es tut uns gut, wenn wir zu besonderen Zeiten Gott stark erleben. Seine Größe, seine Nähe oder sein Eingreifen bringen uns zur Anbetung, spenden uns Trost oder geben uns neue Hoffnung. Aber können diese Erfahrungen das Nachdenken über Gottes Wort ersetzen?

Eine festere GrundlageIch bin über eine Textstelle gestolpert, die mir viel zu denken gegeben hat. Lesen wir einen Abschnitt aus 2Petr 1,16-19: „… Nein, wir haben seine herrliche Größe mit eigenen Augen gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit, damals, als Gott die Worte mit herrlicher, hoheitsvoller Stimme an ihn richtete: ‚Dies ist mein lieber Sohn. An ihm habe ich meine Freude.‘ Wir haben diese Stimme gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Aber eine noch festere Grundlage haben wir im prophetischen Wort, und ihr tut gut daran, darauf zu achten wie auf ein Licht, das an einem dunklen Ort leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht.“Mit diesen Versen bezieht sich Petrus auf ein Ereignis in seinem Leben, das schon viele Jahre zurück liegt. Es geht um die Verklärung Jesu (siehe z. B. Markus 9 ab Vers 2). Das muss für Petrus und die beiden anderen Jünger ein unglaubliches Erlebnis gewesen sein! Sie waren Augenzeugen der Herrlichkeit Jesu! Sie haben einen Blick in den Himmel werfen können. Das strahlende Leuchten Jesu hat Petrus nie vergessen! Selbst jetzt, kurz vor seinem bevorstehenden Tod, ist dieses Bild noch ganz lebendig und greifbar vor seinem inneren Auge. Außerdem hat er Gottes Stimme vernommen. Nicht bloß eine innere Stimme, die zu ihm spricht. Nein, er hat Gott laut und deutlich gehört, von Mann zu Mann sozusagen. Ist das nicht eine Erfahrung, die wir uns auch wünschen? Würde uns das Glauben nicht leichter fallen, wenn wir Gott so unmittelbar erleben könnten? Umso erstaunlicher finde ich deshalb, wie Petrus fortfährt: „Aber eine noch festere Grundlage haben wir im prophetischen Wort, und ihr tut gut daran, darauf zu achten …“ Petrus hatte einige ganz besondere Momente mit seinem Herrn! Die haben ihn geprägt und begleitet. Trotzdem verweist er nicht auf diese Erlebnisse, sondern auf das geschriebene Wort Gottes. Die objektive Wahrheit des Wortes Gottes ist ein tragfähigeres Fundament für den Glauben als alle objektiven Erfahrungen. Aus diesem Grund fordert er seine Leser auf, „darauf zu achten, wie auf ein Licht, das an einem dunklen Ort leuchtet“. Petrus hat die Herrlichkeit Gottes mit bloßem Auge gesehen. Aber er weiß, dass es noch viel wichtiger ist, dass „der Morgenstern in den Herzen der Menschen aufgeht“. Und das erreicht Gottes Wort weiterhin, auch heute noch!

Kommen wir noch einmal zum Ausgangspunkt zurück: Gott mit unserem ganzen Denken lieben. Wir haben gesehen, dass damit nicht nur unsere emotionale Seite, sondern vor allem auch unsere Vernunft gemeint ist. Deshalb die Frage: Wie können wir Gott mit unserem ganzen Sein lieben? Einige Denkanstöße bietet uns das Originalzitat aus 5 Mo 6,4-6 an:„Höre, Israel. Der Herr ist unser Gott, der Herr allein! Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein.“Interessant ist, dass der Text nicht zuerst auf die Frage eingeht, wie wir Gott lieben können, sondern warum wir es tun sollen. Er ist Gott, nur er allein. Es gibt keinen anderen. Er ist unser Schöpfer. Er hat uns Lebensodem eingehaucht, sodass wir zu einer lebenden Seele wurden (1Mo 2,7). Alles, was wir sind und haben, kommt von ihm! Weil er Gott ist, verdient er unsere Liebe.Erst danach erfahren wir etwas darüber, wie wir Gott lieben können: Wir sollen seine Worte in unserem Herzen haben. Das hört sich ganz einfach an. Aber wie kommen die Worte ins Herz? Das beschreiben die nächsten Verse recht ausführlich: • indem man Gottes Wort hört/liest, es weitersagt und vorlebt (V. 7),• indem Gottes Wort das Reden und Tun bestimmt (V. 8.9),• indem man dankbar bleibt: für erfüllte Versprechen (V. 10), für alle guten Gaben (V. 11), für die Errettung (V 12).Zusammenfassend könnte man sagen: Wenn wir Gottes Worte begreifen, aufnehmen und ihnen zustimmen, kommen sie in unser Herz. Unsere Liebe zu Gott zeigt dann, wie viel Raum wir Gottes Wort in unserem Leben (wirklich) geben.Jetzt könnte man meinen, dass das ein Prinzip ist, das nur im AT gilt. Aber auch im NT lesen wir an verschiedenen Stellen etwas Ähnliches. Der Herr Jesus sagt zum Beispiel in Joh 15,14: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.“Oder in Mt 7,21: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird in das Reich der Himmel hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist.“Also gehört wohl auch heute noch zu einem Leben als Christ der Gehorsam Gottes Wort gegenüber. Um Gottes Wort zu tun, müssen wir es kennen. Damit schließt sich der Kreis. Wir brauchen Gottes Wort als Maßstab außerhalb von uns selbst. Erst durch die Beschäftigung mit seinem Wort merken wir, wo wir falsch liegen und Veränderung brauchen. Wir werden korrigiert und auf Sünde aufmerksam gemacht. Sein Wort hilf uns, ein Leben zu führen, wie es Gott gefällt (2Tim 3,16.17). Das ist aber noch nicht alles. Das ewige Leben, das wir durch den Glauben an den stellvertretenden Kreuzestod Jesu geschenkt bekommen haben, beinhaltet, dass wir „den allein wahren Gott und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“ (Joh 17,3). Dieses „Erkennen“ bedeutet viel mehr als nur zu wissen, dass es einen Gott gibt. Warren W. Wiersbe schreibt: „Es genügt nicht, das Wort Gottes zu kennen. Wir müssen auch den Gott des Wortes kennen und in der Gemeinschaft mit ihm wachsen.“ Bei Paulus klingt das so: „Und ich bitte den Gott unseres Herrn Jesus Christus, den Vater der Herrlichkeit, dass er euch durch seinen Geist Weisheit gibt und euch zeigt, wie er selbst ist, dass ihr ihn erkennen könnt. Er gebe euren Herzen erleuchtete Augen, damit ihr seht, zu welch großartiger Hoffnung er euch berufen hat, und damit ihr wisst, wie reich das himmlische Erbe ist, das auf euch wartet“ (Eph 1,17.18). Gott teilt uns in seinem Wort mit, wie er denkt, was ihn freut und was ihn zornig macht. Er gibt diese Informationen über sich preis, damit wir ihn besser verstehen. Er achtet uns so sehr, dass er uns sogar in seinen Plan für diese Welt einweiht (s. Joh 15,15). Ist das nicht fantastisch? Durch das Lesen in Gottes Wort können wir Gott unsere Liebe und unser Interesse an ihm zeigen. Gleichzeitig bekommen wir einen immer umfassenderen Einblick in seine Liebe zu uns, was unsere Beziehung zu ihm weiter vertieft! Gottes Wort ist ein Schatz, dessen Wert sich nicht immer direkt beim ersten Lesen erschließt. Wie bei jedem Schatz muss man sich die Mühe machen, zu graben. Dazu ist Einsatz von Zeit, Kraft und Verstand erforderlich, manchmal sogar Disziplin und Verzicht. Aber das ist es wert! Denn wenn der Schatz erst gehoben ist, bereichert er unser Leben. Diese Schätze wandern vom Kopf in unser Herz. Und da sollen sie ja nach 5. Mose 6 auch hin!

Natascha Schmidt

p-2020-1

Rezension

  • WAS IST DER MENSCH? (David Gooding/John Lennox)
  • ENTWURZELT (Richard P. Moore)

aktuelles

  • DIE ZEIT DER SÄKULAREN WAHRSAGER (Thomas Lachenmaier)

denken

  • TROTZ FRAGEN WEITERGLAUBEN (Dr. Alexander Fink)
  • ALLES NUR AUSLEGUNGSSACHE? (Karl-Heinz Vanheiden)
  • DIE SOUVERÄNE AUTORITÄT DER HEILIGEN SCHRIFT (Thomas Jeising)
  • DENKEN, ERKENNTNIS, WISSEN, WEISHEIT (Arno Hohage)
  • DIE WEICHENSTELLUNG (Prof. Helge Stadelmann)

glauben

  • GOTT MIT GENZEM HERZEN LIEBEN (Natascha Schmidt)
  • TAG UND NACHT MURMELN (Johannes Gerloff)
  • VOM REICHTUM UND DER VOLLKOMMENHEIT VON GOTTES WORT (Peter Leupold)

leben

  • ICH ABER MUSS ABNEHMEN (Waldemar Grab)
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

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