PERSPEKTIVE März - April 2020

In Gottes Bild geschaffen

Ihm ähnlich, aber nicht gleich

Am nördlichen Rand des Amazonasregenwaldes lebt der indigene Stamm der Híwi. In ihrer animistischen Weltanschauung glauben diese Ureinwohner, dass der Mensch von Kúwai, einem abenteuerlichen Weltenschöpfer, erschaffen wurde. In ihrem Glauben ist der Mensch das Ergebnis mehrerer fehlgeschlagener Versuche: Zunächst versuchte Kúwai, den Menschen aus Lehm zu machen, aber der Lehm zerbröckelte im Regen. Danach probierte er es mit Wachs, aber das Wachs schmolz in der Sonne. Schließlich schnitzte er die Menschen aus hartem Holz, und eine mythische Ratte schuf ihnen ihre Geschlechtsorgane und ermöglichte auf diese Weise ihre Vermehrung. Das wirkt auf uns ziemlich befremdlich, nicht wahr? Doch nicht viel anders klingen die Schöpfungsmythen der Nachbarvölker Israels im Alten Testament. Sie lebten mehr als drei Jahrtausende vor den Híwis, und zwar im Nahen Osten, nicht in Südamerika. Aber auch sie glaubten an eine Erschaffung des Menschen aus minderwertigem Material oder zu minderen Zwecken. Der biblische Schöpfungsbericht stellt sich damals wie heute dieser Art von Weltanschauungen ganz bewusst entgegen und macht klar: Es ist der Gott der Bibel, der den Menschen als Höhepunkt der Schöpfung persönlich plante und formte. Der Mensch ist nicht das Resultat gescheiterter Versuche und wurde auch nicht zu minderwertigen Zwecken geschaffen. Ganz im Gegenteil erklärt der Schöpfungsbericht, dass Gott den Menschen in seinem Bild schuf und dass er ihm eine Reihe von edlen Aufträgen gab.

Ebenbild…wie bitte?

Diese sogenannte Gottesebenbildlichkeit des Menschen (lat. imago dei) wird in 1. Mose 1,26-27 beschrieben:Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Bild [„tselem“], uns ähnlich [„demuth“]! Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alle kriechenden Tiere, die auf der Erde kriechen! Und Gott schuf den Menschen als sein Bild [„tselem“], als Bild [„tselem“] Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. (1Mo 1,26-27)

Ganz allgemein fällt auf, dass diese Aussage den Menschen von allen anderen Schöpfungswerken Gottes unterscheidet. Gott sagt nichts Vergleichbares über den Blauwal oder die Fuchsmanguste. Das erhebt den Menschen in eine einzigartige Stellung innerhalb der Schöpfung. Die Meinungen gehen aber weit auseinander, wenn es um die Frage geht: Was bedeutet es, im Bild Gottes erschaffen zu sein?Wenn ich bei Seminaren diese Frage stelle, dann bekomme ich fast ausschließlich Antworten zu hören, die eine Art geistiger Entsprechung zwischen Mensch und Gott bedeutet : die Vernunft, die intellektuellen Fähigkeiten, der freie Wille, das Gewissen oder die Fähigkeit, in Beziehung zu Gott zu treten. Ich frage dann gerne weiter: Woher weißt du das?Dass der Mensch diese Eigenschaften hat, liegt auf der Hand. Doch diese Antworten bringen uns bei unserer Frage nach der Bedeutung der Gottesebenbildlichkeit in 1. Mose 1 nicht unmittelbar weiter. Denn solche Aussagen spiegeln häufig unsere kulturelle Prägung wider und entsprechend auch das, was unterschiedliche Autoren während der Kirchengeschichte darauf als Antwort gegeben haben. Die genannten Schlussfolgerungen entstehen auch häufig aus einem Vergleich des Menschen mit der Tierwelt, aber sie sind nicht unmittelbar im Bibeltext verankert. Woher wissen wir also, welche dieser Aspekte gemeint sind und welche nicht? Auf der Suche nach Antworten müssen wir uns in den Text und in seinen historischen und kulturellen Zusammenhang begeben. Die Gottesebenbildlichkeit wird in 1. Mose 1 durch zwei unterschiedliche Begriffe zum Ausdruck gebracht, die im Text oben markiert sind: Bild (hebr. tselem) und Ähnlichkeit (hebr. demuth).

Abbild und Standbild Gottes (tselem)

Das hebräische Wort tselem wird im Alten Testament für Bilder (Hes 16,17; 23,14-15), plastische Nachbildungen (1Sam 6,5.11) und öfters für Abbilder oder Statuen im Zusammenhang mit Götzendienst verwendet (4Mo 33,52; 2Kön 11,18; Hes 7,20). Diese Bilder stellen etwas dar, was sie selbst nicht sind. Sie haben weniger und niedrigere Dimensionen als das, was sie eigentlich darstellen. Auf ähnliche Weise lassen die Blumen in einem Gemälde von van Gogh erkennen, was der Maler vor Augen hatte. Für den Betrachter ist es zwar eine schöne, aber nur zweidimensionale Erfahrung. Auf den Duft der Blumen z. B. muss er verzichten. Dies lässt ein erstes Fazit zu: Wenn der Mensch auf diese Weise ein Abbild Gottes ist, dann bedeutet es, dass er zwar Gott auf gewisser Weise darstellt und auf ihn verweist, aber keineswegs, dass er Gott gleich ist. Aber es heißt auch: Wenn man einen Menschen sieht, dann sollte man eine Vorstellung davon bekommen, wie Gott ist! Genauso wie das Gemälde von van Gogh uns eine Vorstellung von Blumen gibt, selbst aber keine Blume ist.Die Umwelt des Alten Testaments gibt uns hilfreiche Hintergründe, um die biblische Gottesebenbildlichkeit besser zu verstehen. Im alten Vorderen Orient war es üblich, dass Könige große Statuen von sich aufstellten, um ihren Machtanspruch über gewisse Regionen klarzustellen. Das war nötig, da sich die Großreiche über weite Teile der damals bekannten Welt erstreckten (z. B. Persien reichte von Äthiopien bis Indien). Das Standbild repräsentierte den Monarchen, der nicht überall gleichzeitig in seinem Reich anwesend sein konnte. Selbst wenn uns das heute etwas fremd erscheint, ist die Symbolik noch klar. Als etwa das Regime von Saddam Hussein im Jahr 2003 gestürzt wurde, da gingen Bilder um die Welt, wie das irakische Volk die Statuen des Diktators umstieß und zerstörte. Diese Statuen waren ein Zeichen seines Machtanspruchs, der nun nicht mehr galt.Wenn Gott den Menschen als sein Standbild auf der Erde schafft, dann bedeutet das vor diesem Hintergrund, dass Gott der eigentliche König ist und der Mensch sein lebendiger Repräsentant. Mann und Frau wurden erschaffen, um Gottes Herrschaft auf dieser Erde zu vertreten. Und dies gilt nicht nur für ein paar wenige Exemplare.Aus der Umwelt des Alten Testaments ist uns auch bekannt, dass sich Könige oder hochrangige Beamte selbst als Gottheiten sahen und „Abbilder Gottes“ genannt wurden. Das ist allgemein über die ägyptischen Pharaonen bekannt, galt aber auch für babylonische und assyrische Machthaber. Aber niemand wäre in der Antike auf die Idee gekommen, einen einfachen Menschen so zu bezeichnen! Anders ist es im biblischen Schöpfungsbericht, in dem die Gottesebenbildlichkeit undifferenziert für jeden Menschen verwendet wird! Anders gesagt: Die Bibel „demokratisiert“ die exklusiven Ansprüche der Könige rund um Israel und wendet sie auf eigene Weise auf alle Menschen an. Victor Hamilton schließt daraus, dass in Gottes Augen die ganze Menschheit königlich ist (vgl. 2Mo 19,6; 1Petr 2,9).Diese Überlegungen werden vom Gesamtzusammenhang in 1. Mose 1 gestützt und bestätigt. Denn schon in 1. Mose 1,26 und dann wieder in 1,28 wird die Aussage der Gottesebenbildlichkeit des Menschen durch einige Aufträge an die Menschen gerahmt: Der Mensch soll über die ganze Erde herrschen. Gott als König schafft den Menschen als stellvertretenden Herrscher und setzt ihn über die Erde ein (Ps 8,6ff.). Der Herrscher hat ein Programm, der Stellvertreter führt es aus. Dies impliziert wiederrum, dass die Erde nicht dem Menschen gehört, sondern Gottes Eigentum ist.

Demut durch demuth

Der Bibeltext aus 1. Mose 1 verwendet einen zweiten Ausdruck, um die Gottesebenbildlichkeit des Menschen zu definieren: „uns ähnlich“ (demuth). Gemeint ist eine Entsprechung, eine vergleichbare Ähnlichkeit (vgl. Hes 1,5). Der Begriff interpretiert und relativiert zugleich den ersten Begriff tselem. Er verhindert eine Überinterpretation der Gottesebenbildlichkeit. Der Mensch hat eine Ähnlichkeit mit Gott, und dies unterstreicht (wie oben bereits erwähnt), dass der Mensch Gott nicht gleich ist (Ps 8,6) und noch weniger Gott selbst sein kann (vgl. Könige der Antike; Hinduismus). Das Eigentümliche an diesem Begriff ist eben, dass er die Gleichheit ausschließt! So wird Set, der Sohn Adams, in 1. Mose 5,3 mit beiden Begriffen beschrieben: Er ist seinem Vater ähnlich (demuth) und entspricht seinem Bild (tselem).

Gottesebenbildlichkeit jenseits von Eden?

Soweit so gut, wäre da in 1. Mose 3 nicht etwas geschehen: der Sündenfall. Hat der Mensch durch den Sündenfall seine Gottesebenbildlichkeit verwirkt?Nach der Sintflut schließt Gott in 1. Mose 9,6 einen Bund mit Noah. Er stellt das Verbot der Tötung von Menschen auf und argumentiert an dieser Stelle mit der Gottesebenbildlichkeit des Menschen: Wer einen Menschen tötet, greift den Schöpfer selbst an, nach dessen Bild dieser Mensch erschaffen wurde! Die Gottesebenbildlichkeit ist somit jenseits von Eden und der Sintflut weiterhin gültig. Der Mensch mag wohl ein verzerrtes und entstelltes Bild von Gott darstellen, aber sein Zustand als Standbild Gottes ist nicht grundsätzlich verloren gegangen. Ob der Mensch ein guter oder schlechter Repräsentant Gottes ist, ändert nichts an seinem grundsätzlichen Status. Damit wird eines deutlich: Die Gottesebenbildlichkeit ist etwas, das dem Menschen von außen zugesprochen wird. Sie ist in Gott selbst verankert. Der Wert und die Würde des Menschen werden von Gott her definiert und sind unabhängig vom geistlichen, seelischen und körperlichen Zustand des einzelnen Menschen zu verstehen. Das bedeutet daher, dass ein Embryo, ein körperlich oder seelisch behinderter Mensch, ein Ureinwohner des Amazonas, ein Drogenabhängiger oder ein Demenzkranker genauso Ebenbilder Gottes sind wie ein körperlich und geistig gesunder, kultivierter westlicher Mensch. Der Mensch behält seine Würde, jenseits von Sünde, Krankheit, Leistungsfähigkeit, Glaube oder Denkvermögen! Weil sie ihm grundsätzlich von außen, von Gott zugesprochen wird! Und das hat ganz praktische Konsequenzen. So warnt uns Jakobus in seinem Brief davor, unsere Worte (wie viel mehr dann unsere Taten!) gegen Menschen zu richten, die doch im Ebenbild Gottes erschaffen wurden (Jak 3,8-9)! Wer dies tut, nimmt es mit Gott selbst auf! Oder anders ausgedrückt: Wenn Sie Gott lieben wollen, dann sollten Sie auch sein Ebenbild lieben! Wir lieben das Geschöpf wegen seinem Schöpfer, weil wir denjenigen verehren und fürchten, der durch die „Standbilder“ repräsentiert wird!

Als Ebenbilder Gottes leben

Das Neue Testament greift also das Thema der Gottesebenbildlichkeit des Menschen auf. Es wird aber nicht nur weitergeführt, sondern übertroffen. Der Mensch Jesus Christus wird als „das Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15) und „Gottes Bild“ (2Kor 4,4) beschrieben. Wer wissen will, wie die Gottesebenbildlichkeit in Fleisch und Blut aussieht, wie sie lebt und handelt, wie sie unberührt von Sünde und Schuld Gott zuverlässig repräsentiert, der kann auf Jesus schauen. Doch Jesus sprengt das Ganze: Er ist nicht nur ein Abbild, sondern das Bild selbst! Er ist nicht nur Repräsentant, sondern der König selbst! Er ist nicht nur Geschöpf, sondern Mitschöpfer (Hebr 1,1-4)! Er ist nicht nur Gott ähnlich (1Mo 1,26-27: demuth), sondern Gott selbst (Joh 10,30)! Er ist nicht nur wie das Gemälde von van Gogh, das uns einen Eindruck eines Blumenstraußes gibt, sondern er ist der Strauß selbst! Er verbreitet den Duft Gottes. Und er selbst sagt: „Wer mich sieht, sieht den Vater“ (Joh 14,9). Jenseits von Eden ist der Mensch als Repräsentant Gottes kläglich gescheitert. Wenn wir die Menschheit betrachten, dann bekommen wir keine besonders gute Vorstellung davon, wie Gott ist! Doch Gott hat seine Standbilder auf Erden nicht einfach abgesetzt und abgeschafft, wie etwa das irakische Volk die Statuen ihres früheren Diktators. Christus ist bewusst nicht in unsere Welt gekommen, weil wir so schöne Ebenbilder Gottes sind, sondern weil wir so zerstört sind! In seinem Leben auf der Erde und in seinem Sterben am Kreuz zeigt uns Jesus, wie Gott wirklich ist. Und er verspricht uns: Wer ihm vertrauensvoll nachfolgt und auf ihn schaut (vgl. Hebr 12,1-3), der wird zu einer neuen Kreatur, die vom Heiligen Geist schrittweise in Jesu Bild verwandelt wird. So schreibt Paulus in 2. Korinther 3,18:Ja, wir alle sehen mit unverhülltem Gesicht die Herrlichkeit des Herrn. Wir sehen sie wie in einem Spiegel, und indem wir das Ebenbild des Herrn anschauen, wird unser ganzes Wesen so umgestaltet, dass wir ihm immer ähnlicher werden und immer mehr Anteil an seiner Herrlichkeit bekommen. Diese Umgestaltung ist das Werk des Herrn; sie ist das Werk seines Geistes. (NGÜ)

Er möchte uns zurück zum Ursprung führen! Gott möchte uns dazu befähigen als seine Repräsentanten zu leben und seine edlen Aufträge auszuführen. Er möchte, dass wir seine befreiende und seine Würde gebende Wahrheit erkennen. Und das gilt für jeden Menschen, ob im tiefen Dschungel des Amazonas oder im chaotischen Dschungel einer Großstadt.

Immanuel Martella

p-2020-2

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