PERSPEKTIVE Mai-Juni 2020

Glauben und Denken sind Freunde

Christlicher Glaube ist ohne Ratio, den Schlüsse ziehenden logischen Verstand, überhaupt nicht denkbar. Verstehen und Glauben dulden sich nicht nur, sie sind eher Freunde. Oder noch treffender: Sie bilden so etwas wie eine Symbiose, eine wechselseitige Abhängigkeit zu beiderseitigem Vorteil.

Was wir mit Glauben meinen„Glauben“ ist ein wesentlicher Begriff dieses Artikels. Er ist unscharf, deshalb müssen wir am Anfang klären, wie wir ihn meinen. Im üblichen Sprachgebrauch ist „glauben“ die gängige Beschreibung unsicherer Annahmen. Wer glaubt, dass sich das Wetter in drei Tagen bessert, ist meist nicht überrascht, wenn es das nicht tut, denn in drei Tagen kann sich viel ändern. Wenn ich meine Enkel nach einem Diktat frage, mit welcher Note sie rechnen, dann höre ich so etwas: „Ich glaube, eine Zwei.“ Es könnte aber auch eine Eins oder eine Drei werden. In beiden Fällen ist „ich glaube“ geradezu der Inbegriff der Ungewissheit.Wenn ich als Christ sage: „Ich glaube“, dann ist damit gemeint, dass ich Aussagen Gottes in der Heiligen Schrift als gültige Wahrheit annehme und damit mein Denken „füttere“. Schauen wir uns ein Beispiel an, das 6. Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Das ist eine ethische Forderung, die Gott an den Menschen stellt. Der Glaube nimmt das als gesetzte Ordnung an und versteht das menschliche Leben immer als schützenswert. Vor der Geburt, am Lebensende, mit Defekten – einfach immer und in jeder Verfassung. Natürlich kann ich als Christ auch nach dem Sinn der Ordnung fragen. Aber das Wesen des Glaubens ist nicht, der Ordnung nur zuzustimmen, falls ich sie sinnvoll finde. Der Glaube geht davon aus, dass es richtig ist, sie unabhängig von argumentativer Befürwortung zu befolgen. Das bedeutet nicht, dass Glaube stumpfsinnige Gefolgschaft ist. Es hat eher mit der Erfahrung oder zumindest mit der Annahme zu tun, dass hinter jeder göttlichen Ordnung Sinn zu finden ist.Nehmen wir eine andere Aussage der Schrift, die die Kernsubstanz des christlichen Glaubens betrifft. Die beiden Engel sagen am Ostermorgen den verstörten Frauen am Grab: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden“ (Lk 24,). Der Tod ist nicht die letzte Instanz. Es gibt ein Leben, das vom biologischen Ende nicht ausgelöscht werden kann.Weil es geschrieben ist, glauben wir, dass Jesus Christus gekreuzigt wurde, ins Grab gelegt wurde, aus dem Tod auferstanden ist und zum Gericht über Lebende und Tote ermächtigt ist. Diese Aussagen sind der Sockel für die Botschaft, die wir glauben, lehren und an einem Grab verkündigen. Der Glaube ist für uns also keinesfalls der Widerpart des Denkens, sondern der Glaube nimmt Fakten, Erklärungen, Gebote, Beschreibungen … als von Gott gegeben entgegen. Sie ersetzen nicht das Denken, aber sie bilden für die Welt des Denkens feststehende Koordinaten, denen wir vertrauen. Wir brauchen sie auch. Wer sich auf dem Meer orientieren will, braucht um jeden Preis irgendwelche festen Punkte außerhalb des Schiffes: eine Landmarke, den Sonnenstand, die Gestirne – oder GPS. Das ist auch nichts anders als eine Hilfe, den Standort zu bestimmen und die Richtung zu finden. Wer nur Wasser sieht, kommt nie zum Zielhafen.

Was glaubt ein Mensch, der nicht glaubt?Damit ist die Tür zu einer Reihe interessanter Folgefragen und Schlussfolgerungen aufgetan, die hier nicht alle zu erörtern sind. Aber eine wollen wir verfolgen: Was nimmt bei einem Atheisten den Platz des Glaubens ein?Das ist wirklich eine interessante Frage. Christen gehen davon aus, dass wir in der Schrift wahre Aussagen finden, die wir glauben. Aber was tut der Mensch, für den solche Texte keinerlei Bedeutung haben? Um das gut zu verstehen, greifen wir noch einmal den schon erwähnten Bericht von der Auferstehung Jesu auf. Was denkt ein Atheist, falls er versteht, warum wir Ostern feiern? Vielleicht würde er antworten: „Ich weiß, dass er nicht auferstanden ist, weil nie jemand aus den Toten aufersteht!“ Es wird ein vermeintlicher qualitativer Unterschied aufgebaut: Der Christ glaubt, der wissenschaftliche gebildete Mensch weiß es. Weiß er es wirklich? Nein, er nimmt es an. Vielleicht, weil er viele kennt, die so denken. Vielleicht kennt er drei Leute, die besonders laut gelacht haben. Es stimmt schon, dass wir keine Totenauferstehungen beobachten. Aber die Singularität eines Ereignisses ist nie ein Beweis, dass es dieses Ereignis nicht gab. Ich bin auch nur ein einziges Mal geboren. Die Einmaligkeit stellt das Ereignis nicht infrage. Fazit: Der Unglaube steht auf viel dünneren Beinen, als er dem Anschein nach zu stehen meint. So feiert der ungläubige Mensch auch Ostern, beraubt sich aber der Chance, den Auferstandenen kennenzulernen.„Du sollst nicht töten“ war der andere Beispieltext. Aus diesem Satz leitet sich die Achtung des menschlichen Lebens einschließlich des Verbotes der Selbsttötung ab. Deshalb begannen Christen im Römischen Reich, gegen die Gladiatorenkämpfe zu protestieren, keine unerwünschten Kinder auszusetzen und Kranke zu pflegen. Zusammen mit anderen Worten der Heiligen Schrift haben diese Sätze das Menschenbild der westlichen Welt hervorgebracht, das sich auch in unserem Grundgesetz niederschlägt.Was geschieht, wenn man dieses Gebot nicht mehr als Norm versteht, nicht „daran glaubt“, kann man an der neueren Gesetzgebung erkennen. Seit 1995 ist es bei Einhaltung bestimmter Auflagen straffrei möglich, Kinder innerhalb definierter Schwangerschaftsfristen zu töten. Fast druckfrisch ist das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur Selbsttötung (26.02.2020), das weiter geht als die Euthanasieregeln unserer Nachbarstaaten:

1 a) Das allgemeine Persönlichkeitsrecht (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG) umfasst als Ausdruck persönlicher Autonomie ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben.Das Recht auf Selbstbestimmung wird hier so hoch gewertet, dass neben dem Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende der Staat verpflichtet wird, die Hürden für einen assistierten Suizid niedrig genug zu halten, damit dem selbstbestimmten Sterben auch nichts im Wege steht. Das wird in nächster Zeit die Gesetzgebung beschäftigen, damit nicht bei Liebeskummer, Überschuldung oder Gefängnisstrafe die Flucht aus dem Leben als Lösung erscheint. Wenn „Du sollst nicht töten“ keine Norm ist, wird das Leben in bestimmten Phasen unsicherer bis lebensgefährlich. Und wenn die Tür erst einmal geöffnet ist, ist der Weg zum Sterben ohne Todeswunsch nicht mehr weit.

Wie sich Glauben und Verstehen in der Praxis durchdringen1. Das EvangeliumMein Schwiegervater hat sich im Alter von 82 Jahren bekehrt. Zwei Jahre später wäre das schwierig geworden, weil er dann zunehmend an Demenz litt. Wobei wir natürlich nicht wissen, wie Gott auch einem aus unserer Sicht verwirrten Menschen begegnen kann. Grundsätzlich gilt aber: Das Evangelium zielt auf Menschen, die die Botschaft verstehen, sich selbst reflektieren und Antwort geben können. Ohne Verstand keine Glaubensentscheidung – wobei damit keine wissenschaftliche Rationalität gemeint ist. Die Evangeliumsverkündigung ist hauptsächlich die Vermittlung vieler Fakten über Gott, über den Sohn Gottes, das Verhängnis der Sünde, die Situation des Menschen ohne Gott. Nur wenn diese Botschaft gehört und verstanden wird, kann sich die Tür zur Rettung öffnen. Deshalb ist es ein schlimmes Gerichtswort, wenn der Herr die Propheten zitiert und androht, dass seine Zuhörer zwar hören, aber nichts verstehen werden (Mk 4,12). Ein verdunkelter Verstand ist eine sichere Heilsblockade (Eph 4,18; Röm 1,21).

2. GemeindebauAuch die Gestalt einer Ortsgemeinde ist eine Mischung aus biblischen Vorgaben und klugen Regelungen, die Menschen selbst treffen. Paulus bezeichnet in einem Vergleich Jesus Christus als das Fundament eines Bauwerkes. Was aber auf diesem Fundament gebaut wird, liegt in der Verantwortung von Menschen. Das kann gut oder schlecht sein, es kann „Heu und Stroh“ sein. „Jeder aber sehe zu, wie er darauf baut“ ist die Mahnung des Apostels (1Kor 3,10-12). Es hat freilich seine Berechtigung, die eigenen Wurzeln nicht zu vergessen, aber auf bestimmte aktuelle Herausforderungen gibt die Vergangenheit keine Antwort.

3. ApologetikWie immer wirken auch hier Glaube und Verstand zusammen, in diesem Fall aber mit einer starken Betonung auf Seiten des Verstandes. Er übernimmt in diesen Fall die Aufgabe, die Glaubwürdigkeit biblischer Aussagen zu unterstützen. Das ist besonders bei stark angefochtenen Texten gut investierte Geisteskraft.Wir wenden uns noch einmal der Botschaft von der Auferstehung Jesu zu. Noch während Hunderte Augenzeugen lebten, gab es Leute, die mit viel Energie und Geld andere Thesen in Umlauf brachten. Sie hatten gute Gründe, sich vor der Wahrheit der Auferstehung zu fürchten. Was kann der Verstand hier leisten? Eine ganze Menge. Er findet eine Reihe von Indizien, die die Glaubwürdigkeit dieser Botschaft unterstützen: 1. Es gab zur Zeit der Niederschrift hunderte Augenzeugen, die man befragen konnte. 2. Der Eindruck, den der Auferstandene auf die Jünger machte, war so mächtig, dass keine Drohung und selbst Lebensgefahr sie nicht abhalten konnte, davon zu reden. Kein Mensch stirbt für ein selbsterdachtes Märchen. 3. Die Schwäche aller anderen Erklärungen, warum das Grab trotz Bewachung leer war. Die Jünger hätten ihn gestohlen und das als Auferstehung verkauft. Keiner der Jünger habe überhaupt an eine Auferstehung geglaubt … Der Verstand bringt so starke Argumente hervor, dass schon manche bei dem Versuch, die Auferstehung zu widerlegen, zu Christen wurden. Apologetik ist kein Papiertiger.

4. Ewigkeitserwartung„Wir erwarten aber nach seiner Verheißung neue Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“, schreibt Petrus (2Petr 3,13). Das ist eines der vielen Schriftworte, die uns Appetit auf die Zukunft machen. Wir glauben diesen Worten und schauen gespannt nach vorn. Steht der Verstand bei diesem Thema funktionslos daneben? Durchaus nicht. Die Bibel ist ja merkwürdig zurückhaltend mit „Himmelsbeschreibungen“. Aber wir können Schlüsse ziehen. Wenn ich ein besonders schönes Landschaftspanorama sehe oder ein besonders geniales Detail der Schöpfung, dann kommt mir regelmäßig der Gedanke: Wie schön wird eine von den Schäden des Sündenfalls geheilte Schöpfung sein? Der Verstand – falls wir ihn auf die Reise schicken – ist in der Lage, aus den Beobachtungen in dieser Welt Schlüsse auf die künftige Lebenswelt zu ziehen. Petrus sieht im angeführten Text ein ganz anderes Licht am Horizont der Ewigkeit: Es gibt Gerechtigkeit. Die gibt es in dieser Welt nicht. Es gibt den Rechtsstaat, aber von Gerechtigkeit ist er selbst unter optimalen Bedingungen weit entfernt.

Wo der Verstand nicht mehr weiterhilft… stütze dich nicht auf deinen Verstand.Wir denken, wir beobachten, wir ziehen Schlüsse, wir entwerfen Pläne. Das ist alles richtig und durchaus im Sinn Gottes. Einige Texte in der Schrift jedoch zeigen die Grenzen auf. Er darf nicht den Platz einnehmen, der nur Gott zukommt. Sprüche 3,5 ist so ein Text: „Vertraue auf den HERRN mit deinem ganzen Herzen und stütze dich nicht auf deinen Verstand!“ Der Herr, der uns das Denkvermögen anvertraute, rät hier, diesem in bestimmten Fällen die Gefolgschaft zu verweigern. Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen? Wir kennen Umstände, in denen der Verstand etwas anderes raten würde, als Gott uns mit klaren Worten mitteilt. Die Israeliten sollten von ihrer Ernte den Zehnten abgeben. Das wird so im NT nicht wiederholt. An die Stelle der harten Prozentzahl tritt hier der Appell an das Gewissen, reichlich zu geben. Was sagt der Verstand dazu? Der sagt: „So viel? Kannst ich das nicht selbst gebrauchen?“ Der Verstand kann der Knecht unheiliger Interessen werden. Das zu erkennen und ihm in diesen Fällen nicht zu folgen, ist ein wichtiger Baustein geistlichen Lebens.

… kennst du die Gesetze des Himmels?Hiob hat sich Gott gegenüber etwas weit aus dem Fenster gelehnt. Das sieht ihm Gott nach, aber er stellt ihm ein paar Fragen. Manche betreffen die Lebewesen aus Hiobs Lebenswelt. Andere Fragen betreffen den eigentlichen Schöpfungsakt, und dann gibt es Fragen wie diese: „Kennst du die Gesetze des Himmels? Setzt du seine Herrschaft auf der Erde durch?“ (Hi 38,33). Vielleicht könnten wir mit mehr als 3000 Jahren Erkenntnisfortschritt ein paar der Fragen beantworten. Die meisten nicht. Wir kennen die Gesetze des Himmels nicht. Manches hat Gott mitgeteilt, aber hinter viele Vorhänge können wir nicht sehen. Warum gibt es überhaupt das Böse? Warum tut Gott Dinge, die wir nicht verstehen? Warum gewährt Gott dem Bösen so viel Zeit und Einfluss? Hiobs Antwort auf den Fragekatalog ist ganz kurz: „Was soll ich erwidern? Ich lege meine Hand auf meinen Mund“ (Hi 40,4). Zum Nachdenken über die Rationalität des Glaubens gehört eben auch die Einsicht, dass uns Grenzen gesetzt sind. Das sagen wir auch so. Damit vermeiden wir Bruchlandungen auf dem Acker irriger Hypothesen und Vermutungen.

Andreas Ebert

p-3-2020m

Rezension

  • ABENDMAHL ALS MAGIE? (Dieter Ziegeler)
  • WIE ERKLÄRT DIE WISSENSCHAFT DINGE? Autoren: David Gooding & John Lennox
  • UM ATHEIST ZU SEIN, FEHLT MIR DER GLAUBE (Ralf Kaemper)

aktuelles

  • Meinung: CORONA RÜCKT FAMILIENBILD ZURECHT (Heinrich Derksen)

denken

  • GLAUBEN UND DENKEN SIND FREUNDE (Andreas Ebert)
  • WISST IHR NICHT? - IHR WISST! (Thomas Riedel)
  • WUNDER SIND ZUM WUNDERN DA (Karl-Heinz Vanheiden)
  • SCHADET DIE BIBELWISSENSCHAFT DEM GLAUBEN? (Ron Kubsch)

glauben

  • GEISTLICH VERNÜNFTIG SEIN (Ingo Krause)
  • WIE ENTSTEHT GLAUBE? (David Kröker)

leben

  • GOTT VERTRAUEN - ODER SELBST DENKEN? (Simon Wecker)
  • FEST VERWURZELT (Johannes Gerloff)
  • KOPF UND HERZ (Martin Flache)
  • SEID DOCH NICHT KINDER IM VERSTAND (Anja Huttel)
  • IN DER SENIORENRESIDENZ VOM BALKON WINKEN (Waldemar Grab)
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

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