PERSPEKTIVE Juli - August 2020

Können wir Jesus vollkommen lieben? Christen lieben nicht, um geliebt zu werden

Liebe ist eine ernste Sache. Aber halt! Steckt in diesen fünf Worten nicht bereits ein offensichtlicher Widerspruch? Liebe und Ernst in einem Satz? Bestimmt würden uns Hunderte von Ergänzungen zu „Liebe ist …“ einfallen. Doch nur sehr wenige Menschen würden wohl „… eine ernste Sache“ anfügen. Liebe ist … überwältigend, atemberaubend, berauschend, wundervoll, unfassbar usw. All dies kommt sofort in den Sinn. Und wie wir sehen werden, treffen alle diese Bezeichnungen auch zu. Aber genauso eben die eine, die nicht sofort ins Auge springt: Liebe ist ernsthaft. Wie ernst, können wir in einer Aussage des Apostel Paulus an die Christen in Korinth sehen: „Wenn jemand den Herrn nicht lieb hat, der sei verflucht!“ (1Kor 16,22)Eine unzweideutige Aussage. Eine, die wohl nicht deutlicher hervorheben könnte, wie ernst es mit der Liebe zu Jesus Christus ist. Gerade weil dem so ist, lohnt es sich sehr, darauf zu schauen, was Liebe überhaupt ist.

Liebe ist mehr als ein Gefühl, sie beinhaltet Treue und Gehorsam. Was also versteht Paulus darunter, Jesus zu lieben? Wie der Inhalt des 1. Korintherbriefes zeigt, geht es Paulus um Treue zu Jesus und Gehorsam ihm gegenüber. Liebe zu Jesus bedeutet für Paulus folgerichtig, ein Leben zu führen, das von Treue zu Gottes Willen und Gehorsam diesem gegenüber gekennzeichnet ist. Genau dies mussten die Christen in Korinth neu erkennen. Denn anstatt Gottes Willen treu zu sein, übertraten sie seine Gebote und schlossen Kompromisse mit ihrer heidnischen Kultur.

Deshalb hält Paulus ihnen vor Augen, dass jeder mit der Verurteilung durch Gott rechnen muss, der Jesus nicht liebt, d. h. dessen Liebe zu Jesus sich nicht in Treue und Gehorsam zeigt. Eckhard Schnabel schreibt, das Geschenk des Heils verpflichte alle, die zu Jesus gehören, „sich in der Bindung an den Herrn von allem widergöttlichen und heillosen Verhalten zu trennen. Wer sich zur Gemeinde der Jesusbekenner hält, aber den Herrn nicht liebt, d. h. die Realität der Herrschaft Jesus Christi über sein Leben ablehnt, der stellt sich selbst außerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen. “Liebe ist also nicht nur eine innere Stimmung. Liebe ist mehr als ein Gefühl, denn sie schließt ein, Jesus als Herrn anzunehmen, d. h. ihn als Herrscher über das eigene Leben anzuerkennen und demgemäß zu leben. Dabei sollten wir bedenken, dass Liebe zwar mehr ist als ein Gefühl, jedoch auch nicht weniger. Wir dürfen Gefühle nicht gegen Treue oder Gehorsam ausspielen. Sie bedingen einander und gehören untrennbar zusammen. Weil Christen ein tiefes Gefühl der Verbundenheit zu Jesus haben, wollen sie seine Herrschaft über jeden Bereich in ihrem Leben anerkennen. Jesus als Retter zu erfahren und ihn als Herrn über das Leben anzuerkennen gehört unauflöslich zusammen. Vor einiger Zeit wurde ich von einem jungen Mann aus der Gemeinde angesprochen. Er erzählte mir von einigen Jugendlichen, die einmal eine Entscheidung für Jesus getroffen hatten, jetzt aber lebten, wie sie wollten. Da sie sich einmal für Jesus entschieden hatten, fragte er sich, ob sie gerettet seien, selbst wenn sie Jesus in ihrem Leben nicht nachfolgen. Waren die Entscheidungen echt? Solche Fragen zeigen, wie leicht es manchmal fällt, zwischen Jesus als Retter und Jesus als Herrn über das Leben zu unterscheiden. Genügt es also, irgendwann einmal eine Entscheidung getroffen oder ein Übergabegebet gesprochen zu haben? Und spielt es deshalb eine untergeordnete oder sogar gar keine Rolle, wie wir leben oder eben nicht leben? Schauen wir auf Paulus, so ist die Antwort klar: Treue und Gehorsam sind Zeichen der Liebe zu Jesus. Wo sie fehlen, gibt es gar keine Liebe zu Jesus. Und wer Jesus nicht liebt, der muss mit der Verurteilung durch Gott rechnen. Jesus ist beides, Retter und Herr über das Leben. Ein gnädiger Herr, ein liebevoller Herr, doch nichtsdestotrotz ist er Herr.

Jesus lieben – zwar nicht vollkommen, aber aufrichtig

Die Worte von Paulus fordern uns als Christen zur Selbstreflexion heraus. Wie ist es um unsere Liebe zu Jesus bestellt? Zeigt sie sich in der Treue Gottes Willen gegenüber? Darin, seinen Geboten zu gehorchen? Es ist gut, wenn wir uns selbst, unsere Motive und Motivationen immer wieder selbstkritisch hinterfragen. Denn Liebe ist eine sehr ernste Sache. Allerdings will diese Aussage uns nicht in Verzweiflung stürzen. Denn seien wir ehrlich: Wer von uns liebt Jesus schon vollkommen? Wer lässt ihn tatsächlich ohne Fehltritt oder Sünde vollkommen das eigene Leben regieren? Niemand! Wie leicht kann es da passieren, eine solche Aussage zu lesen und sich selbst immer wieder zu hinterfragen, ob man Jesus jetzt genug liebt oder nicht. Das wäre eine fatale und ungesunde Weise der Selbstreflexion. Wir können Jesus zwar nicht vollkommen lieben, aber dennoch aufrichtig. Was Leon Morris schreibt, kann daher eine große Hilfe sein: „Er (Paulus) spricht nicht vom Mangel einer besonderen Intensität der Liebe, sondern vom völligen Fehlen der Liebe zu Jesus überhaupt.“ Gottes Wort fordert uns an dieser Stelle nicht dazu auf, die Intensität und Stärke unserer Liebe zu Jesus immer wieder infrage zu stellen. Vielmehr geht es um die Frage, ob wir Jesus überhaupt lieben, wir ihm in unserem Leben treu sind und seine Herrschaft über unser Leben anerkennen. Als Christen können und werden wir Jesus auf dieser Welt niemals vollkommen lieben und ihm in allem treu sein. Aber obwohl wir ihn niemals vollkommen lieben werden, können wir es aufrichtig und von Herzen tun.

Die Quelle der Liebe zu Jesus – Gottes Liebe zu uns

Paulus schreibt sehr deutlich, Christen müssten Jesus lieben, um dem Gericht und der Verurteilung Gottes zu entgehen. Um diese Aussage jedoch angemessen zu verstehen und anzuwenden, gilt es, sie im richtigen Rahmen zu betrachten. Hierbei hilft, was Leon Morris in seinem Buch „Testamente der Liebe“ als Fazit festhält: „Die einheitliche Lehre des Neuen Testaments besteht darin, dass die Liebe Gottes in Christus immer den Vorrang vor irgendeiner menschlichen Liebe hat … Die Quelle der Liebe ist immer Gott selbst.“ Es ist wichtig, diesen Rahmen zu beachten. Er bewahrt davor zu glauben, unsere Liebe zu Jesus sei die Voraussetzung dafür, von ihm geliebt zu werden. Vielmehr ist es genau andersherum. „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (1Jo 4,19). Die Liebe Gottes, die er uns in Jesus Christus zeigt, ist die Quelle unserer Liebe zu Jesus. Christen lieben nicht, um geliebt zu werden; sie lieben, weil sie geliebt sind. Das macht Jesus seinen Jüngern deutlich, als er ein letztes Mal mit ihnen zusammen ist. Er schärft allen, die zu ihm gehören, ein: „Wie der Vater mich geliebt hat, habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben, wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe“ (Joh 15,9-10).Am Anfang steht die Liebe Jesu zu all denen, die zu ihm gehören. So unermesslich die Liebe des Vaters zu Jesus, seinem Sohn, ist, so unermesslich liebt Jesus all seine Nachfolger. Aufgrund dieser wunderbaren, unfassbaren Liebe Jesu folgt die Aufforderung, in seiner Liebe zu bleiben – und als Zeichen dafür, seine Gebote zu befolgen. Das Bleiben in der Liebe Jesu ist daher immer Folge und Auswirkung der Liebe Jesu zu uns, niemals die Bedingung oder Voraussetzung dafür. Richard Philips fasst dies treffend zusammen: „In Christus zu bleiben bedeutet, sich auf diese Liebe zu verlassen, sodass wir in allen Dingen seine Nähe suchen, im Glauben auf ihn schauen und voller Zuversicht seine rettende Gnade erwarten, damit sie in unserem Leben wirksam wird. Jesus hat am Kreuz ein für alle Mal seine Liebe zu uns bewiesen. Jetzt sollen wir in dieser Liebe bleiben.“ Für Jesus gibt es keinen Gegensatz zwischen Liebe und Gehorsam. Vielmehr bedingen sie sich. Deshalb kann Jesus wie selbstverständlich sagen: Wer ihn liebt, der wird auch seine Gebote halten (Joh 14,23). Leon Morris fasst dies so zusammen: „Natürlich ist damit nicht gemeint, einen Gegensatz zwischen Gehorsam und Liebe aufzubauen. Liebe führt zwangsläufig zu Gehorsam. Gehorsam ist der Beweis für das Vorhandensein von Liebe.“

Liebe ist … Es gibt unzählige Möglichkeiten, diesen Satz zu vervollständigen. Haben wir das Zeugnis der ganzen Bibel vor Augen, dann dürfen wir voller Freude sagen: Liebe ist überwältigend, atemberaubend, berauschend, wundervoll, grenzenlos, unfassbar … Doch ebenso müssen wir anerkennen: Liebe ist ernst. Und trotzdem steht über allem: Christen lieben nicht, um geliebt zu werden; sie lieben, weil sie geliebt sind.

Thomas Lauterbach

p-4-2020

Rezension

  • WO IST GOTT IN DIESER WELT? UND WAS IST MIT CORONA? (John Lennox)

aktuelles

  • LOCKDOWN DER OBRIGKEIT (Waldemar Grab)

denken

  • WER IST ÜBERHAUPT CHRIST? (Andreas Ebert)
  • DAZUGEHÖREN (Gottfried Schauer)
  • GRENZEN DER EINHEIT (Arno Hohage)

glauben

  • KÖNNEN WIR JESUS VOLLKOMMEN LIEBEN? (Thomas Lauterbach)
  • GEHEIMNIS GEMEINDE (Bernhard Volkmann)
  • SEIN WIE ER? (Marcus Nicko)
  • ERFOLG GARANTIERT [Psalm 1 - 5. Teil] (Johannes Gerloff)

leben

  • ICH HAB MIR DIE NICHT AUSGESUCHT... (Andreas Schmidt)
  • GOTTES BUNTE FAMILIE (Hildegund Beimdieke)
  • IM INNERSTEN GEWISS (Magdalene Ziegeler)
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

Schreiben Sie uns...

Bitte geben Sie Ihre Anrede an!
Bitte geben Sie Ihren Vornamen an!
Bitte geben Sie Ihren Nachname an!
Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse ein
Ungültige Eingabe
Bitte geben Sie einen Ihre Nachricht ein.
Um dieses Formular absenden zu können, akzeptieren Sie die Cookies von Google ReCaptcha in den Cookie-Optionen.