PERSPEKTIVE September - Oktober 2020

Gottes „verkehrte“ WeltWo der Schwache gewinnt und der Starke verliert

„Ihr lebt aus einer anderen Kraft als wir“, sagte unsere 18-jährige Nachbarin, als sie nach acht Monaten anfing, unsere Hausgottesdienste zu besuchen. Irgendwas hatte sie wahrgenommen, was sie bisher in dieser Form noch nicht kannte. Bei ihrer Bekehrung sagte sie: „Wenn ich bei euch im Hausgottesdienst war, bin ich anschließend schnell nach Hause hoch auf mein Zimmer gegangen, weil ich weinen musste. Die Liebe, die ihr untereinander hattet und mir entgegengebracht habt, hat mich so beeindruckt.“ Immer wieder sagte sie: „Ihr seid so anders.“

Ihr seid so anders

Mir war das nicht bewusst, dass wir anders waren. Wir haben nichts unternommen, um diesen Eindruck zu erwecken. Ich war auch überrascht zu hören, dass unser schlichter Hausgottesdienst so eine starke Wirkung auf sie hatte. Was hat sie bei uns wahrgenommen? Worin besteht unsere Andersartigkeit? Genau diese Fragen beschäftigen mich bei der Gemeindegründungsarbeit in Euskirchen immer wieder. Als Familie haben wir im Sommer 2018 die Gemeindegründungsarbeit gestartet. Schon vorher in meinem Dienst in der EFG Haiger habe ich mich ständig mit diesem Thema auseinandergesetzt. Ich fragte mich: Wenn ich mal die Möglichkeit hätte, auf einer grünen Wiese eine Gemeinde zu gründen, wie würde ich vorgehen? Gemeinde ist ja kein Unternehmen, das nach Maßstäben dieser Welt gegründet wird.

Nicht von dieser Welt

Gottes „verkehrte“ Welt habe ich in verschiedenen Phasen meines Lebens sehr unterschiedlich erlebt. Aufgewachsen bin ich in einer strengen russlanddeutschen Gemeinde und hatte oft das Gefühl: „Wir sind nicht von dieser Welt.“ Theologisch habe ich mich immer wieder mit dieser Aussage auseinandergesetzt: „In der Welt, aber nicht von dieser Welt.“ Theoretisch schien mir vieles nachvollziehbar zu sein. Wie aber gestaltet man eine Gemeinde als Gottes „verkehrte“ Welt? Eine – für diese Welt – vermutlich verrückte Aussage des Apostel Paulus wird ein Satz in Galater 2,20 sein. Als hoch gebildeter Mann sagt er: „Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.“ Und genau dieses Selbstverständnis ist der Beginn eines Daseins, welches für Gott absolut vernünftig und logisch, für diese Welt jedoch verrückt und dumm ist.

Hingabe

Damit die Gottesdienste unserer neuen Gemeinde vernünftig sind, muss ich als Gemeindegründer meinen Leib hingeben als ein lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer (Röm 12,1). Und das nicht nur am Anfang der Gemeindegründung, sondern täglich (Lk 9,23). Wenn ich also zu Beginn eines jeden Tages bete: „Herr, hier hast du meinen Körper, mach mit mir, was du willst“, dann glaube ich allen Ernstes, dass Christus durch seinen Geist in mir wohnt und durch mich sein Reich bzw. seine Gemeinde baut. Dann ist er der Gemeindegründer. Während diese Welt nach Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung schreit, bitten wir Christen um die Verwirklichung Jesu in unserem Leben und stellen uns demzufolge ihm auch zur Verfügung. Während in dieser Welt jeder Gründer und Erfinder sich gleich an die Arbeit macht, erlebt der Nachfolger Jesu zuallererst eine Veränderung seines Charakters.

Ein anderer Charakter

Diese Veränderung nimmt er selbst meist nicht wahr. Dies wird ihm von den Menschen gespiegelt, die am meisten mit ihm zu tun haben. In meinem Fall von Moni, meiner Ehefrau. Aus den Ausführungen des Apostel Paulus in Epheser 5 bin ich fest davon überzeugt, dass eine gesunde Gemeinde mit einer gesunden Ehe beginnt. In dieser Welt scheinten der Ehepartner und die Kinder oft ein Hindernis für die Selbstverwirklichung zu sein. Im Reich Gottes dagegen ist eine stabile Familie die Voraussetzung für Gemeindewachstum. Denn wenn Moni und die Kinder die Signale Christi durch mich wahrnehmen, werden sie sich mir gegenüber öffnen. Das Vertrauen untereinander wird größer, da die Ausstrahlung Christi ausschließlich Liebe sein wird. Wenn die Familie Kröker sich also untereinander versteht, vertraut, annimmt und liebt, wird sie früher oder später Einfluss nehmen auf die Menschen, die am meisten mit dieser Familie zu tun haben – die Nachbarn. Während in dieser Welt Menschen häufig bemüht sind, durch Anstrengung, Intrigen und Manipulation ihre Mitmenschen zu beeinflussen und zu kontrollieren, gewinnt der Jünger Jesu seinen Mitmenschen durch aufrichtige und wahrhaftige Liebe.

Beziehungen und Vertrauen

Durch die Hingabe, die durch die Erbarmungen Gottes jedes Mal neu geschenkt wird, wächst nicht nur die Beziehung zu den Mitmenschen, sondern auch das Vertrauen zu Gott. Das Wirken Jesu lässt einen Glaubenden immer wieder diese übernatürlichen Erfahrungen machen, die dann wiederum zu erneuter Hingabe führen. Mit jeder Erfahrung wächst das Vertrauen. Die Sorge um alltägliche Dinge nimmt ab, da die Rundumversorgung Gottes wahrnehmbar ist. Während sich Menschen dieser Welt den Kopf kaputt machen und über sämtliche Dinge grübeln, wird der Christ gelassener und kann sich, statt um seine eigenen Belange, um die seiner Mitmenschen kümmern. Genau diese Lebenseinstellung verkündet Jesus in seiner Bergpredigt: „Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit! Und dies alles wird euch hinzugefügt werden.“

Seid nicht unruhig

Und nun wird die vermeintlich weltfremde Aussage Jesu in Lukas 12 immer verständlicher: „Seid nicht besorgt für das Leben, was ihr essen, noch für den Leib, was ihr anziehen sollt!“ Weiter sagt Jesus: „Wenn ihr nun auch das Geringste nicht könnt, warum seid ihr um das Übrige besorgt?“ In dieser Welt würden die Menschen einander zurufen: „Du kannst das!“ oder „Du schaffst das!“ Jesus dagegen sagt: „Ihr könnt nicht mal das Geringste!“ Die verkehrte Welt wird in den weiteren Aussagen Jesu nochmal konkretisiert: „Und ihr, trachtet nicht danach, was ihr essen oder was ihr trinken sollt, und seid nicht in Unruhe! Denn nach diesem allen trachten die Nationen der Welt“ (12,29-30). Die Begründung für diese andersartige Lebensweise ist schlicht und einfach: „Euer Vater aber weiß, dass ihr dies benötigt.“ Wer sich völlig dem Herr Jesus Christus hingibt, der vertraut sich auch der Fürsorge Gottes an.

Nicht viele

Welche Menschen werden sich wohl auf diese Lebensweise einlassen? Nach 1. Korinther 1,26 offensichtlich „nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Edle“. Ist der christliche Glaube also etwas für Schwache, so wie Paulus weiter sagt: „Und das Schwache der Welt hat Gott auserwählt“? George Gordon Byron, ein britischer Dichter aus dem 18. Jhdt., hat mal gesagt: „Liebe macht den Schwachen stark und den Starken schwach.“ Da Schwache gerne stark und Starke ungern schwach sein wollen, sind es eher die Schwachen, die auf Gottes Liebe reagieren.

Etwas, das sie bisher nicht erlebt hat

„Niemals werde ich meine Knie vor Jesus beugen“, sagte Rosa, bevor sie dann kurz nach Ostern 2020 ihre Knie doch vor Jesus gebeugt und ihm ihr Leben anvertraut hat. Wie kam es zu diesem Sinneswandel? An Ostern wurde Rosa diese „verkehrte“ Welt Gottes zum ersten Mal deutlich. Anstatt uns Menschen zu bestrafen, straft Gott der Vater seinen Sohn. Statt Legionen von Engeln zu rufen und die Römer zu töten, gib Jesus sein Leben dahin. Obwohl Jesus keine Sünde hatte, wurde er selbst zur Sünde. Er war reich und wurde arm. Er war stark und wurde schwach. Er war frei und lies sich gefangen nehmen. Er ist das Leben und musste sterben. Warum nur dieser Erniedrigung, diese Demütigung, diese Kreuzigung? Rosa hat erkannt, dass Jesus es bereitwillig für sie persönlich ertragen hat. Das hat sie beeindruckt. Diese Liebe hat Rosa erreicht. So etwas hat sie in dieser Welt noch nicht erlebt. Das hat sie ihr Leben lang vermisst. Nach 62 Jahren spürt sie etwas, das alles, was sie bisher erlebt hat, in den Schatten stellt: Gottes bedingungslose Liebe. Sie wird schwach. Sie beugt ihr Knie. Sie erkennt ihre Schuld. Sie bekennt ihre Sünde. Sie kapituliert. Sie gibt alles dahin. Alles. Ihr ganzes Leben. Sie stirbt sich selbst. Freiwillig. Sie steht wieder auf. Sie fühlt sich frei. Sie spürt einen Frieden. Sie freut sich. Sie scheint innerlich stark zu sein. So stark, dass sie bereit ist, in der Taufe genau dieser Erfahrung symbolisch zum Ausdruck zu bringen. Am 24. Mai 2020 wird Rosa vor allen Beteiligten ausrufen: „Ja, ich glaube!“ Sie lässt sich bereitwillig rücklings ins Wasser eintauchen. Sie wollte das so. Ihr war es bewusst, dass diese Handlung den Tod symbolisiert. Genau das hat sie erlebt. Ihr altes Leben ist vergangen, neues Leben ist geworden. Ich habe sie wieder aus dem Wasser gehoben. Sie ist auferstanden zu einem neuen Leben. Nicht mehr lebt sie, sondern Christus lebt in Rosa. Was für eine verkehrte Welt. Rosa öffnet ihre Wohnung und lädt Menschen ein. Sie möchte, dass möglichst alle Menschen ihr Leben verlieren, um es dann zu gewinnen. Sie hat es gewonnen. „Der Stärkere gewinnt“, heißt es in dieser Welt. „Der Schwache gewinnt“ im Reich Gottes. Eine verkehrte Welt.

David Kröker

 

p-05-2020

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