PERSPEKTIVE November - Dezember 2020

Evangelium oder Religion?

Den einzigartigen Grund unserer Hoffnung zur Sprache bringen

In Religionen sucht der Mensch seit jeher Antworten auf Grundfragen seiner Existenz: Woher komme ich? Wozu lebe ich? Wie kann ich richtig leben? Wohin gehe ich? Durch Globalisierung und Digitalisierung, aber auch durch die zunehmend multireligiöse Zusammensetzung der Gesellschaft sind wir heute vor allem in den westlichen Ländern, in denen volle Religionsfreiheit gilt, einer unüberschaubaren und verwirrenden Vielfalt religiöser (und säkularer) Angebote und Antworten ausgesetzt. Das gilt im sogenannten „Supermarkt der Religionen“ auch schon innerhalb einer Religion. Wir leben heute in einem gesellschaftlichen Klima, in dem viele die notwendige Toleranz im zwischenmenschlichen Miteinander mit Gleichgültigkeit in der Sache verwechseln. Als Christen sind wir herausgefordert, die Einzigartigkeit des Evangeliums und „den Grund unserer Hoffnung“ klar im Blick zu behalten und für religiöse und areligiöse Menschen unserer Zeit verständlich zur Sprache zu bringen – nicht herablassend und aggressiv, sondern mit Freundlichkeit und Respekt und Christus im Zentrum unseres Lebens (1Petr 3,15f.). Dabei erscheinen mir (gerade als Islamwissenschaftler) die folgenden Punkte besonders zentral:

Das Evangelium ist einzigartig

- weil es die Wurzel allen Übels behandelt, nicht nur die SymptomePaulus spricht in ersten Kapitel des Römerbriefes von den finster gewordenen Herzen der Menschen, die Gott in seiner Schöpfung erkennen konnten, ihn aber nicht geehrt, sondern sich in Undankbarkeit von ihm abgewandt haben und in der Folge bösen und nichtigen Gedanken verfallen sind. Anstelle des Schöpfers ist das Geschaffene in den Mittelpunkt ihres Lebens gerückt. Seitdem versuchen viele Menschen auf dem Wege der Religion, mit Gott zu handeln, ihn, verschiedene Götter oder auch Geister zu beschwichtigen, andere halten Gott auf Distanz, leugnen gar seine Existenz oder erklären sich selbst zu Gott. Tim Keller beschreibt das menschliche Herz treffend als Götzenfabrik. Demnach kann alles – auch die eigene Frömmigkeit und Moral – zum Götzen werden, von dem wir uns versprechen, was Gott allein uns geben kann und schenken will. Das Evangelium legt daher schonungslos offen, dass die größte Not des Menschen nicht in seinen äußeren und gesellschaftlichen Umständen, sondern in seiner inneren Verfassung liegt, in der Gott-losigkeit seines Herzens, in dem nach Sprüche 4,23 die Quelle des Lebens entspringt. Schon David fleht in seinem bekannten Bußgebet: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen beständigen Geist.“ Jesus selbst widersteht allen menschlichen Neigungen zur Schuldverschiebung und diagnostiziert: „Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung …“ (Mt 15,19). Wo Religionen (oder auch Formen christlicher Gesetzlichkeit) diese Wurzeln allen Übels ausblenden, findet lediglich Symptombehandlung statt, indem der Mensch aufgerufen und vom religiösen Kollektiv gedrängt oder gar gezwungen wird, durch Einhaltung äußerer Formen und Rituale seine innere Rebellion gegen Gott zu unterdrücken oder zu übertünchen. Jesus verurteilt solche auf den äußeren Eindruck fixierte Religiosität in Matthäus 23,25 in aller Schärfe: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln außen reinigt, innen aber sind sie voller Raub und Gier!“ Schon durch den Propheten Hesekiel kündigt Gott daher an: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben“ (Hes 36,26).

- weil sich in Christus Gott selbst offenbart: voller Gnade und WahrheitDas Evangelium verstehen wir nur vor dem Hintergrund dieser niederschmetternden Diagnose und dieser großartigen Verheißung des Alten Testaments. Daher erreicht der Johannesprolog seinen Höhepunkt in Kapitel 1,14: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Jesus selbst sagt es deutlich: „Wer mich sieht, der sieht den Vater!“ (14,9). Wer Jesus sieht, sieht Gott: voller Gnade und Wahrheit. In ihm allein kommt zusammen, was wir Menschen (leider auch wir Christen) so oft nach einer Seite hin aufzulösen versuchen.Hier wird deutlich: Gott ist wirklich da (im Widerspruch zum Atheismus), Gott ist auch nicht ein unpersönliches höchstes Prinzip (wie in Teilen des Hinduismus), Gott bleibt nicht auf Distanz (wie im Koran, der zwar die Jungfrauengeburt und erstaunliche Wunder Jesu lehrt, aber ihn ausdrücklich als Sohn Gottes und Erlöser ablehnt). Gott offenbart sich selbst, nicht nur (wie im Islam) seinen Willen. Er ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist (Lk 19,10). Selbst Prediger und Anhänger nichtchristlicher Religionen und Weltanschauungen haben den besonderen und (z. B. im Falle des Islam) sündlosen Charakter Jesu und teilweise auch die Weisheit und Kraft seiner Worte bewundert. Gleichzeitig haben sich viele kopfschüttelnd abgewandt, wenn es zu seinem Absolutheitsanspruch (v.a. in Joh 14,6 und anderen Ich-bin-Worten) gekommen ist, der dann auch zu seiner Kreuzigung führte.

- weil wir in Christus Gewissheit haben, dass Gott uns wirklich und aufopferungsvoll liebtTatsächlich gehört zu den „99 schönsten Namen Allahs“ nicht nur „der Gnädige“ (ar-raḥmān) und „der Barmherzige“ (ar-raḥīm), sondern auch „der Liebevolle“ (al-wadūd). Im Vergleich zwischen dem christlichen und dem islamischen Glauben sollte man allerdings versuchen, solche äußeren Begriffsschalen zu knacken und ihren inneren Kern freizulegen. In Sure 3,31 lesen wir: „Wenn ihr Allah liebt, folgt mir [Muhammad], damit auch Allah euch liebt und euch eure Schuld vergibt.“ Allahs Liebe ist hier und an anderen Stellen eher eine Reaktion als eine Initiative. Dagegen macht der Apostel Johannes in seinem ersten Brief deutlich, dass Gott uns zuerst geliebt hat und dass die Liebe nicht darin besteht, „dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden“ (4,10). John Stott hat diesen Kern des Evangeliums besonders prägnant zum Ausdruck gebracht: „Denn das Wesen der Sünde besteht darin, dass der Mensch an die Stelle Gottes tritt, während das Wesen des Heils darin besteht, dass Gott an die Stelle des Menschen tritt. Der Mensch stellt sich selbst dorthin, wo nur Gott zu sein verdient, Gott … stellt sich selbst dorthin, wo nur der Mensch zu sein verdient.“ Anders als im Islam ist damit im Evangelium auch eine Gewissheit des Heils möglich, weil es nicht (auch) von guten Werken und menschlicher Vorleistung abhängt, sondern allein von der heilsamen und völlig unverdienten Gnade Gottes, die uns in Jesus Christus erschienen ist. Die wiederum war Gott teuer und darf (in den Worten Dietrich Bonhoeffers) uns nicht billig sein. Sie ruft in die Nachfolge. Dem rettenden Glauben folgen gute Werke als Frucht eines neugewordenen Lebens. Entscheidend im Vergleich mit den Religionen ist die umgekehrte Reihenfolge. Christen lieben und vergeben einander, weil auch Christus ihnen bereits vergeben hat und seine Liebe in ihre Herzen ausgegossen ist.

- weil wir in Christus eine lebendige und begründete Hoffnung über den Tod hinaus haben Im Unterschied zu vielen Religionen legt das Evangelium viel Wert darauf, dass seine Botschaft in der Geschichte von Raum und Zeit verankert ist, dass es auf historischen Tatsachen basiert, dass Jesus also wirklich am Kreuz gestorben und am dritten Tag wahr- und leibhaftig vom Tod auferstanden ist. Erst die persönliche Begegnung mit dem Auferstandenen und die Gewissheit, keinen frommen Illusionen anzuhängen, hat den zuvor tief enttäuschten und verängstigten Jüngern den Bekennermut und die Kraft gegeben, um später selbst in der Nachfolge für Jesus Leid, Verfolgung und sogar das Martyrium zu ertragen. Als solche, die aus der Hoffnung der Auferstehung leben dürfen, können wir den Tod in seiner Schrecklichkeit ernst nehmen, ohne an der Furcht vor ihm zu verzweifeln oder ihn ein Leben lang zu verdrängen. Er ist eine Realität, eine Folge der menschlichen Auflehnung gegen Gott, aber er hat – Gott sei Dank – durch die Auferstehung Jesu seinen Stachel verloren (siehe 1Kor 15,55-57). Wenn wir auch heute als Christen im Westen manchmal so wenig erlöst aussehen (wie es schon der atheistische Philosoph Friedrich Nietzsche beklagte), kann das unmöglich am Evangelium selbst liegen, sondern vielmehr an einer christlichen Religion, die wir mit dem Evangelium verwechselt oder zumindest vermischt haben, oder auch daran, dass uns die eigentlich unfassbar gute Botschaft, das Evangelium, durch die ablenkenden Einflüsse unserer Zeit aus dem Blick geraten oder viel zu selbstverständlich geworden ist. Nur wenn wir selbst wieder zum dankbaren Staunen kommen, können wir auch glaubwürdige Botschafter für andere werden.

Dr. Carsten Polanz

p-6-20

denken

  • UNBEZÄHMBAR (Thomas Lauterbach)
  • DAS GANZE EVANGELIUM (Ralf Kaemper)
  • EINE CHANCE FÜR ALLE? (Dieter Ziegeler)
  • KÖNNEN WIR DEN EVANGELIEN VERTRAUEN? (Von Peters / Williams)
  • EVANGELIUM ODER RELIGION? (Carsten Polanz)

glauben

  • EINE VERÄNDERNDE KRAFT (Ingo Krause)
  • DAS FÜNFTE EVANGELIUM (Achim Jung)
  • BEDÜRFTIG, MEIN LEBEN LANG (Christian Göttemann)
  • SCHÄMT EUCH NICHT (Joschi Frühstück)

leben

  • MARYAM MÖCHTE NICHT WIEDER INS HEIM (Martin von der Mühlen)
  • DAS EVANGELIUM BEKENNEN (Jochen Weseloh)
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

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