PERSPEKTIVE März - April 2021

Israels bleibende Bedeutung für die Welt

Die Problematik des fruchtbaren HalbmondsEin Kindheitserlebnis soll zum Thema hinführen. Ich war noch nicht allzu lange auf dem Gymnasium, da kam in einer Geschichtsstunde über das Altertum der Vordere Orient zur Sprache. Eine Wandkarte über die alten orientalischen Reiche war aufgerollt. Ägypten war zu sehen, das Zweistromland, Kleinasien und so weiter. In der Mitte dann natürlich auch Syrien, die arabische Halbinsel und Palästina. Das Letztere kannte ich aus der Sonntagschule als das Land „Kanaan“, die Heimat des Volkes Israel.Beim Betrachten der Wandkarte ging mir als kleinem Kerl schon damals der Gedanke durch den Kopf: Warum hat Gott ausgerechnet diese Stelle zur Heimat der Kinder Israel bestimmt? Dieser Teil des Nahen Ostens wird ja auch das Gebiet des „fruchtbaren Halbmonds“ genannt. Vom Zweistromland über Syrien bis nach Ägypten existieren hier außerordentlich fruchtbare Landstriche, in denen es sich auch damals gut leben ließ, was viele Menschen bewog, sich dort niederzulassen.Die frühen Hochkulturen entstanden hier, Ur, Uruk, Akkad, Babylon, Assur und so weiter, und natürlich Ägypten mit seinen Pharaonen nicht zu vergessen. Und mittendrin, im Zentrum des fruchtbaren Halbmonds, liegt das Gebiet Israels. Kein Wunder, dass es ein Durchzugsland wurde für abenteuerlustige Kriegsunternehmer, heute „warlords“ genannt. Reiche wurde gegründet, Nachbarreiche erobert; dann zerfielen sie wieder, und neue Reiche entstanden. Und Israel war häufiger davon betroffen, als ihm lieb sein konnte. Nicht grundlos finden wir in den Psalmen das Wort: „Warum toben die Nationen, sinnen Eitles die Völkerschaften?“ (Ps 2,1).Es ist schon merkwürdig: Von den meisten dieser Völker redet heute niemand mehr, doch Israel ist präsent, heute, in unserer Welt. Immerhin liegen zwischen der Zeit damals und heute rund 3000 (!) Jahre. Es muss schon etwas Besonderes sein mit diesem Volk in der Menschheitsgeschichte, von damals bis heute. Und wenn es hier nun eher um das Zukünftige gehen soll, so ist es doch sinnvoll, erst einmal auf die Anfänge, genauer auf den Anfang dieses Volkes, zu schauen, und an diesem Anfang steht ein Mann – Abraham.

Die Geschichte beginnt mit AbrahamVon Abram lesen wir, dass Jahwe zu ihm sprach: „Gehe aus deinem Lande und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause, in das Land, das ich dir zeigen werde. Und ich will dich zu einer großen Nation machen und dich segnen, und ich will deinen Namen großmachen; und du sollst ein Segen sein! Und ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde!“ (1Mo 12,1ff.).Das geschah in Haran, wohin sich schon der Vater Abrahams, Terach, begeben hatte. Dort sprach Gott zu Abraham; zu Terach sprach er nicht. Das wollen wir festhalten. Wie Gott zu Abraham sprach, wissen wir nicht, die Bibel verschweigt es. Was er aber inhaltlich sagte, wird uns mitgeteilt. Erstens sollte er ausziehen, weg aus Haran. Aber nicht nur das. Dreierlei wird genannt: das Land, die Verwandtschaft und das Haus des Vaters. Warum eigentlich? Man hat geradezu den Eindruck, als wollte Gott es ihm schwermachen oder ihm mindestens deutlich machen, was er auf sich nimmt. Jedenfalls ist kein „einfach so“. Gott macht ihm klar, dass er alles, aber auch alles, hinter sich lassen soll, was es an irdischen Bindungen so gibt, die einem nützlich, aber auch lieb und teuer sein können. Wenn er nun loszöge, wäre Abraham ganz auf sich allein gestellt, alle irdischen Hilfen würden hinter dem Horizont versinken.Es kommt noch ein Zweites dazu: Wohin er ziehen soll, wird ihm auch nicht gesagt, das soll er später erfahren. Auch das ist nach irdischen Maßstäben ungewöhnlich, denn wenn man reisen, losziehen soll, weiß man in der Regel, wohin es geht. Abraham soll also nicht nur alles verlassen, was ihm wahrscheinlich lieb und teuer ist, sondern er soll sich auf Gott verlassen. Und er soll sich gewissermaßen auch „selbst verlassen“ und darauf vertrauen, dass Gott ihm rechtzeitig sagen wird, was Sache ist. Natürlich ist das ein kleines Wortspiel, aber es hat seinen Sinn. Er soll alle sozialen Krücken, die der Mensch gewöhnlich hat, wegwerfen und auch mit sich selbst so verfahren. So bleibt nur übrig, was Gott ihm sagt.Das ist mit dem zitierten Satz aber nicht zu Ende. Gott spricht: „Zu gegebener Zeit wirst du sagen können: ‚Jetzt bin ich in dem Land, das Gott mir versprochen hat! Und wenn er in dieser Hinsicht sein Versprechen erfüllt, wird er auch das zweite Versprechen wahr machen, mich in meinen Nachkommen zu einer großen Nation werden zu lassen.‘“Beides geschieht dann auch, aber nicht auf den Wegen, die Abraham sich vermutlich gedacht hat, aber es geschieht. Und wir dürfen innerlich das Volk ziehen sehen, wie es seiner irdischen Verheißung entgegen wandert. Die Verheißung Gottes wird Wirklichkeit, und das Volk Israel ist Wirklichkeit, ein Volk in der Mitte vieler anderer Völker.

Gott offenbart sich durch das WortWas die Geschichte Abrahams weiterhin kennzeichnet, ist die auf das Wort gegründete Offenbarung Gottes. In der Begegnung mit Gott werden alle menschlichen Sinnesorgane zunächst nicht gebraucht, mit Ausnahme des Ohrs. Gott macht sich über das Wort verständlich, und alles, was Abraham zu tun hat, ist auf das Wort gegründet, nicht abhängig von rituellen Handlungen oder anderen menschlichen Zeremonien, Talismanen. Anders ausgedrückt: Er zieht auch weg aus der Götzenumgebung der Welt, in der er bis dahin gelebt hatte.Wenn wir uns einmal veranschaulichen wollen, was diese uralten Zeiten waren, brauchen wir nur einmal in die archäologischen Museen zu schauen: Götterbilder, Götterbilder, Götterbilder. Für die damaligen Menschen sollten diese Bilder die Verbindung zu dem herstellen, was sie irgendwie als nicht zu dieser Welt gehörig rechneten, wobei sie übersahen oder nicht sehen wollten, dass diese Götterbilder nur Projektionen ihres Inneren waren, also innerweltlich und damit Teil dieser Welt, nicht der Welt, die wir als Jenseits bezeichnen.Bei Abraham aber spricht Gott, Gott offenbart sich im Medium der Sprache, also bildlos. Und Abraham glaubte dieser Rede, er vertraute auf das gesprochene Wort. Dass Gott zu den Menschen redete, war (auch) in diesen frühen Tagen selten, die Bibel belegt es. Seit den Tagen Noahs war das nicht mehr geschehen. Auf dieses Wort hin aber gestaltete Abraham seine ganze Lebensplanung, er handelte auf dieses Wort Gottes hin. Das Wort Gottes wurde in Abraham Tat, sein Lebenslauf stand nun unter der Forderung, Zeugnis zu sein von diesem unsichtbaren, alle götzendienerischen Riten weit überragenden Gott und für alle götzendienerischen Anbiederungen unzugänglich.Für einen Mann wie Paulus war deshalb Abraham ein besonders geeignetes Beispiel, um seinen Hörern (Lesern) deutlich zu machen, was Glauben überhaupt ist. „Glauben ist das Für-wahr-Halten aus subjektiven Gründen“, so heißt es allgemein. Glauben ist ein inneres Geschehen im Menschen, das wir als Außenstehende nicht beurteilen können. Wenn aber ein solcher Gläubiger seinem Bekenntnis Taten folgen lässt, dann macht er sich erkennbar. Nicht umsonst heißt es in der Schrift: „… an ihren Früchten werden ihr sie erkennen.“ Oder anders gesagt: In seinen Taten malt sich der Mensch. Glauben ist also nicht allein ein inneres, geistig-geistliches Geschehen, sondern ein existenzielles. „Glauben“ bezieht den ganzen Menschen ein, also auch die gesamte Lebensgestaltung. Und bei Abraham sehen wir, wie seine ganze Lebensgestaltung unter die Herrschaft seiner Glaubensentscheidung gerät. Er machte sich also auf. Das ist ja das Erste, was Gott von Abraham verlangt.Das Gewicht von Gottes Versprechen kommt ja auch darin zum Ausdruck, dass kein geografischer Punkt genannt wird, von dem Abraham sagen könnte: „Jetzt bin ich am Ziel, hier bin ich jetzt, und hier bleibe ich.“ Vielmehr bleibt er ein „umherziehender Aramäer“. So auch sein Sohn Isaak, so auch Jakob. Der Aufenthalt in Ägypten muss im Zusammenhang der ganzen Geschichte Israels als eine Art „Pause“ gesehen werden, in der sich das Wachstum zum Volk vollzieht, was Voraussetzung dafür ist, die Nachkommenschaft Abrahams „Volk Israel“ zu nennen.

Das Wort Gottes regiertUnd dieser Zustand wird wiederum dadurch beendet, dass Gott zu Mose spricht. Wieder regiert das Wort Gottes. Der brennende Dornstrauch erweckt die Aufmerksamkeit des jungen Mannes, doch er handelt erst auf das an ihn ergangene Wort hin. Und so kommt alles in Gang, was wir aus der Bibel erfahren können und was ich hier nicht nacherzähle. Gott macht seine Verheißungen wahr, und das Volk malt sich in seinen Taten. Gott geht seine Wege mit den Nachkommen Abrahams – er ist treu –, und „als die Zeit erfüllt“ war (Gal 4.4), wird das Zentrum der Geschichte geoffenbart; Gott sandte seinen Sohn, in dem alle Stämme der Erde, also alle Menschen, gesegnet werden.

Die Geschichte Israels seit Jesu GeburtSeit der Geburt Jesu läuft die Geschichte Israels jedoch etwas anders ab, als von der weit überwiegenden Mehrheit des Volkes erwartet wird. Manche hatten den Durchblick, zum Beispiel Simeon, andere erhalten von Jesus „Nachhilfe“ (Lk 24,21). Und als Paulus vollmächtig den Horizont aufzeigt, in welchem das Geschehen von Golgatha zu sehen ist, eine Erlösung, die alle Menschen umfasst und Israel einschließt, kommt es zu einer sehr schlimmen, sehr traurigen und schmerzvollen Entwicklung, nämlich zu einer Konkurrenzsituation zwischen Israel (ich sage bewusst nicht „Juden“) und dem, was man Christenheit nennt. Paulus und die Apostel haben das nicht gewollt. Gerade bei Paulus kann man fast immer wieder sehen, dass er sich bei seiner evangelistischen Arbeit zuerst an die Juden in der Diaspora wendet und ihnen zu beweisen sucht, dass Jesus der verheißene Messias ist. Danach bringt er die frohe Botschaft den „Nationen“. Eine Entzweiung entsteht. Zu der hat dann später die meines Erachtens seit der konstantinischen Wende erfolgte „Standeserhöhung“ der Christenheit zur „Kirche“ erheblich beigetragen, einprägsam formuliert in der Formel, dass Gott seit Golgatha sein irdisches Volk verworfen habe und die Kirche nun sein irdisches Volk sei.Man muss nicht die ganze Geschichte der letzten 2000 Jahre referieren, um erkennen zu müssen, dass damals eine Art „Urknall“ erfolgt ist, dessen politischen und sozialen Druckwellen sich durch die Jahrhunderte über das Römische Reich hinweg und durch das Mittelalter hindurch bis in die Gegenwart fortsetzten und in der Katastrophe der versuchten Judenvernichtung durch das Deutsche Reich seinen Höhepunkt fand.Die schrecklichen Ereignisse dieser Zeit bewirkten, dass es zu einer Wiedergeburt des geografischen (und politischen) Staates Israel kam. Sehr viele einflussreiche Politiker wollten das nicht. Aber es kam so. Man kann auch sagen: Gott gab denen Gelingen, die es wollten, und die, die es nicht wollten, strafte er mit Niederlagen. Einer der Hauptgegner, die antisemitisch eingestellte kommunistische Staatenwelt, brach zusammen. Die militärischen Angriffe der arabischen Welt schlugen fehl. Auch der in Deutschland linksideologisch unterfütterte Antisemitismus musste verstummen.Selbst der Hauptgegner Israels, die arabische Welt, hörte auf, ein monolithischer Block zu sein und wurde zu dem unübersichtlichen Komplex, der er zurzeit ist. Gerade in unserer Gegenwart zeichnen sich erstaunliche Entwicklungen ab. Die Zahl der arabischen Staaten, die bereit sind, mit Israel zusammenzuarbeiten, nimmt zu. Andererseits aber ist eine verbissene Gegnerschaft der Feinde zu erkennen, die reich sind an Waffen und wirtschaftlichen Ressourcen. Viele Politiker in Europa und Übersee betrachten die Region Nahost mit Sorge, in der die Kriegsgefahr zunimmt.Wieder könnte man sagen, alles dreht sich um Israel, denn es liegt nun einmal in der Mitte des sogenannten fruchtbaren Halbmonds. Was wird aus Israel? Wir wissen es nicht. Was wir aber wissen, hört sich banal an, aber ist entscheidend: Gott kennt die Zukunft, und er steht zu seinen Verheißungen. Schon im AT sagt er: „So spricht Jahwe, der Heilige Israels und der es gebildet hat: Über das Zukünftige fraget mich; meine Kinder und das Werk meiner Hände lasset mir anbefohlen sein!“ (Jes 45,11).

Unsere Beziehung zu IsraelUnsere eigene Beziehung zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft Israels, des irdischen Volkes Gottes, sollte durch die Äußerungen bestimmt sein, die Paulus in seinen Briefen formuliert. Ich verweise hier nur einmal auf Römer 11, insbesondere auf das Bild von der Wurzel und den ausgebrochenen und aufgepfropften Zweigen. Nur eine lebendige Wurzel kann Zweige ernähren.Israel also wird bleiben, in welcher Weise, ist Gottes Sache. Gerade heute erleben wir wieder einmal, wie uns die Unsicherheiten des Lebens heimsuchen und der Blick auf alles zukünftige Irdische nicht gerade erhebend ausfällt. Doch es bleibt das Wort: „Seid gutes Mutes, ich bin’s. Fürchtet euch nicht.“ Der Herr verlässt die Seinen nicht, weder die, welche er aus jeder Nation erkauft hat, also wir, noch die, welche wir als „treuen Überrest“ zu bezeichnen gewohnt sind. Beten wir, dass der Augenblick, wo es „eine Herde unter einem Hirten“ geben wird, nicht mehr fern ist.

Karl Otto Herhaus

p-2021-2

Rezension

  • SIND CHRISTEN DENKFAUL GEWORDEN? (Dr. Berthold Schwarz)

denken

  • WAS IST HEILSGESCHICHTLICHES DENKEN? (Dr. Berthold Schwarz)
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  • DIE ROLLE DER RELIGION IM MUSLIMISCH-JÜDISCHEN KONFLIKT (Dr. Carsten Polanz)
  • DER URALTE HASS AUF ISRAEL (Johannes Gerloff)

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  • ISRAELS BLEIBENDE BEDEUTUNG FÜR DIE WELT (Karl Otto Herhaus)
  • DEIN REICH KOMME (Eberhard Platte)

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  • DAS HAT MENGELE GESEHEN (Alexandra Kaemper)
  • EIN SPAZIERGANG DUCH JERUSALEM (Mirjam Holmer)
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

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