PERSPEKTIVE Mai - Juni 2021

Die Schönheit der Braut

Für den großen englischen Dichter und Maler William Blake (1757–1827) war die Bibel prägender Wegbegleiter und dauerhafte Inspiration für seine literarischen und künstlerischen Werke. In seinem 1794 veröffentlichten Gedicht „Tyger, Tyger“ preist er die Schönheit der Schöpfung am Beispiel des Tigers. Im Blick auf das majestätische Dschungeltier fragt Blake sich in den sechs Strophen seines Gedichtes, „welch’ unsterbliche Hand, welch’ unsterbliches Auge, eine solche Symmetrie schaffen konnte. … Welche Kunst die Sehnen des Herzens zu flechten vermochte. Welche Hand das Herz zum Schlagen brachte“. Am Ende des Gedichtes denkt Blake darüber nach, ob der, der den Tiger geschaffen hat, wohl „gelächelt habe“, als er sein wunderschön vollendetes Werk sah.

Für Blake ist der Begriff Schönheit untrennbar mit der Schöpfung Gottes und mit Gott selbst verbunden. Und in der Tat werden Gott und sein Wesen vom ersten Blatt der Bibel an mit Schönheit in Verbindung gebracht. Nicht umsonst wird jeder Tag der Schöpfung mit einem „gut“ versehen, und zwar mit einem „gut“, das gesehen werden kann: „Und Gott sah, dass es gut war“ (1Mo 1,11). Im Endergebnis schreibt der Prediger: „Alles hat Gott schön gemacht“ (Pred 3,11). Vor allem der Mensch, die Krone der Kreatur, spiegelt „im Bilde Gottes“ geschaffen des Höchsten Schönheit wider (1Mo 1,26; Ps 8,2.6).

Gottes Schönheit

Gottes Schönheit ist in der gesamten Bibel präsent. Sie ist keine untergeordnete Eigenschaft Gottes, sondern ein in seiner Herrlichkeit immer wieder sichtbar werdendes, zentrales Attribut seiner Majestät.Als die Herrlichkeit Gottes an Mose vorübergeht, muss Gott seine Hand auf Moses Augen legen, da die Schönheit und Herrlichkeit Gottes für einen Sterblichen zu überstrahlend sind. Mose senkt den Blick, kniet ergriffen im Staub und betet an (2Mo 33,22,23 und 34,8). Die Stiftshütte und der Tempel sind Abbilder der bis ins Detail gehenden Schönheit Gottes (Hag 2,7-9). David begehrt, die „Lieblichkeit (Schönheit) des HERRN alle Tage seines Lebens im Hause des HERRN anzuschauen“ (Ps 27,4). Psalm 19 berichtet davon, „dass die Sterne und die Galaxien die Herrlichkeit (Schönheit) Gottes erzählen, …, die wie ein Bräutigam ist, der aus seinem Gemach hervortritt“, „mit Majestät und Pracht bekleidet, in Licht gehüllt wie in ein Gewand“, „und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot“ (Ps 19,1.5; Ps 104,1.2; Mt 17,12; Offb 1,13-17).Wenn die Schönheit des Bräutigams Jesu so umwerfend ist, darf die der Braut Christi nicht dahinter zurückfallen. Auch sie muss die Attribute der biblisch aufgezeigten Schönheit Gottes erfüllen, um in ihrer Schönheit passend für den Bräutigam zu sein.Ein gutes Beispiel dafür findet sich in der Beschreibung Mose durch Stephanus in Apostelgeschichte 7,20. Dort heißt es (in Anlehnung an 2. Mose 2,2 und Hebräer 11,23): „In dieser Zeit wurde Mose geboren, und er war ausnehmend schön.“ Übersetzen ließe sich der letztere Teilsatz auch mit „schön vor“ oder „schön für Gott“, wobei damit zum Ausdruck gebracht wird, dass Mose als besonderes Kind und mit Gottes Wohlgefallen gesegnet schön war. Genauso genießt die Braut, die Gemeinde Jesu Christi, den wohlwollenden Segen Gottes und ist gerufen, „schön für den und vor dem Bräutigam“ zu sein.

Vielfalt Schönheit

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, die Begriffe „schön“ und „Schönheit“ in der Vielfalt ihrer Wortbedeutung näher anzusehen und damit auch die Variationsfülle der Formulierung „schön für Gott“.Der „Brockhaus Wahrig“ sieht in den beiden Wörtern mehr als nur das „sinnlich Wahrnehmbare aufgrund der äußeren Beschaffenheit“. „Schön“ und „Schönheit“ schließen auch die Bedeutung von „Harmonie“ sowie den Gedanken des „Erhabenen“ und der „inneren Schönheit“ mit ein.Das „Wissenschaftliche Bibellexikon“ spricht gar von einem ganzen „Bedeutungsfeld“, das eine Vielzahl von Erklärungen für „schön“ oder „Schönheit“ in der Bibel zulasse, wie z. B. „gut“, „angenehm“, „wohlgefällig“, „Pracht“, „Majestät“ und „Herrlichkeit“.Die Schönheit der Braut Christi ist demnach mehr als nur eine rein äußere Schönheit. Es geht auch – und vor allem – um die „innere Schönheit“. „Innere Schönheit“ meint den gesamten Menschen. Zur vollkommenen Schönheit gehören, neben der äußerlich ansehnlichen Erscheinung, auch die inneren Werte. Der Mensch zwar neigt dazu, „auf das Äußere“ zu blicken, „aber Gott sieht auf das Herz“ (1Sam 16,7). Der Blick in das Herz erst erschließt das innere Verhältnis zwischen Braut und Bräutigam. Die von Liebe getragene Beziehung zwischen beiden steht unter der zusammenfassenden Überschrift „schön“.

Von Gott verliehene Schönheit

Allerdings ist die Schönheit der Braut nicht das Ergebnis ihrer eigenen Bemühungen. So wie Adam und Eva von Gott im Bilde Gottes geschaffen wurden und dadurch von ihm ihre Schönheit erhielten, ist auch jedes Glied der Braut-Gemeinde Jesu nur schön in der neuen Schöpfung aus Gott: „Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist da eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, alles ist neu geworden“ (2Kor 5,17). Diese Schönheit ist nicht selbst machbar, sondern sie wird von Gott, auf der Grundlage Golgathas, zugesprochen. Die Neugeburt, die neue Schöpfung, hat vor Gott – weil sie in Christus geschaffen ist – „keine Flecken und Runzeln“ mehr. Ergreifend ist in diesem Zusammenhang die prägnante Formulierung des Kirchenvaters Augustinus von Hippo (354–430 n. Chr.): „Er [Christus] liebte ihre Abscheulichkeit und machte sie schön.“ Die Gesamtheit der erlösten Kinder Gottes ist in Jesus bereits die perfekte, vollkommene, herrliche, bildhübsche Braut Christi. Er „selbst hat die Gemeinde verherrlicht (schön) vor sich gestellt“ (Eph 5,27).In dieser Stellung darf und soll die Braut schon heute (in ihrem Wartestand auf die Hochzeit hin) in ihrer gottgegebenen Schönheit sichtbar werden. Es geht dabei nicht um Schönheit um der Schönheit willen, sondern um gelebte, praktische, aus dem Herzen sich entfaltende Schönheit für den Bräutigam. Wenn die Braut sich auf den Bräutigam hin ausrichtet, wird sie von seiner Schönheit erfasst werden und sie in die Welt hinein reflektieren.

Schön für den Bräutigam in Worten

So wie Psalm 45,3 die Worte Jesu als „schön“ beschreibt, „weil Holdseligkeit ausgegossen ist über seine Lippen“, werden auch unsere Worte „schöne, mit Gottseligkeit über unsere Lippen ausgegossene“ Worte sein, wenn wir uns an unserem Bräutigam orientieren. Ist das Herz der Braut von ihrem Bräutigam erfüllt, wird der Mund davon überfließen, denn was im Herzen ist, kommt über Lippe und Zunge heraus (Lk 6,45).

Schön für den Bräutigam in Taten

So wie in Jesu Handeln und Wandeln die Herrlichkeit seines himmlischen Vaters sichtbar wurde, wird im Handeln und Wandeln der Braut Christi ihr himmlischer Bräutigam sichtbar. Paulus erinnert daran, dass wir in unserem täglichen Braut-Wandel „ein Brief Christi sind, gekannt und gelesen von allen Menschen“ Die Umwelt liest in unserer Lebensgestaltung entweder die unschönen Taten des alten Ichs oder die schönen Taten der neuen Schöpfung in Christus. Entweder wir sind eine Augenweide oder wir sind ein abstoßender Anblick. Schönheit zieht Aufmerksamkeit auf sich, Unansehnlichkeit schreckt ab. Die Braut Christi spiegelt ihres Bräutigams Schönheit in die Hässlichkeit der Welt hinein. Sie lädt dadurch jeden, der Christus in ihr sieht, ein, sich rufen und erlösen zu lassen, um ebenso Teilhaber der himmlischen Hochzeit zu werden.

Schön für den Bräutigam im Klang und Wohlgeruch

So wie ein schöner Brief Christi ein leiser Wohlklang ist, kann die zeugnishaft wartende Brautgemeinde in einer von Misstönen und Disharmonien geprägten Gesellschaft ein harmonisches Musikstück sein – „ein liebliches, ein schönes Lied“, das „gesehen“ (!) wird (Hes 33,32; Ps 40,3). Entscheidend dafür, ein solches Lied zu werden, ist die Liebe zum Bräutigam, die Liebe zu den Geschwistern, die Liebe zu den Menschen. Wenn die Braut „in der Liebe wandelt“, wird sie ganz automatisch zu einem wahrnehmbaren „duftenden Wohlgeruch“ (Eph 5,1.2).

Schönheit für den Bräutigam als Gottesbeweis

So wie die Schönheit und Vollkommenheit der sichtbaren Schöpfung als Beweis für Gottes Existenz dienen – „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit/Schönheit Gottes, und die Ausdehnung verkündet seiner Hände Werk“ (Ps 19,1; Röm 1,20) – dienen auch die sichtbar werdende Schönheit und Vollkommenheit der Braut Christi als Beweis für Gottes Existenz und als Einladung zu ihm hin.

Das Hohelied der Schönheit

Wohl kein anders Buch der Bibel thematisiert die Schönheit des Bräutigams und der Braut so sehr wie das Hohelied. Der Bräutigam nennt seine Braut dort mehrfach „du Schönste unter den Frauen“ und bezeichnet sie als „vollkommen“. Deshalb ruft die Bibel nicht von ungefähr dazu auf: „Komm her, ich will dir die Braut, die Frau des Lammes, zeigen.“ Die Braut auf der anderen Seite beschreibt ihren Bräutigam als von „auserlesener Gestalt … und … lieblich“, und für den, der hinsieht, wird sich das Versprechen aus Jeremia erfüllen: „Deine Augen werden den König sehen in seiner Schönheit“ (Hl 1,8; 6,1.9; 5,15.16; Jer 33,17: Offb 19,7.8; 21,2.9).Bis zu diesem Augenblick, an dem sich Braut und Bräutigam von Auge zu Auge sehen werden, ist es nicht mehr lange hin. Am Ende der Bibel lässt der Bräutigam seine Braut dreimal wissen „Ja, ich komme bald.“ Und die Braut, in all ihrer ewigen Schönheit, ruft ihm entgegen: „So sei es! Komm, Herr Jesus!“ (Offb 22,7.12.17.20). An jenem Tag wird die Sonne in all ihrer Pracht aufgehen, und die Tore des Himmels werden sich zur Hochzeitsfeier der schönsten Braut aller Zeiten mit dem schönsten Bräutigam aller Ewigkeiten öffnen. „Das wird allein Herrlichkeit sein, wenn frei von Weh ich sein Angesicht seh’.“

Martin von der Mühlen

ppp-3-2021

Rezension

  • WAS SOLLEN WIR TUN? (David Gooding / John Lennox)

aktuelles

  • GEMEINDE POST CORONA (Alexandra Kaemper)

denken

  • DIE HÖCHSTE GEMEINSCHAFT (Dieter Ziegeler)
  • DIE EHE BESTEHT ZU GOTTES EHRE (John Piper)
  • WIE GOTT IN SEINER GEMEINDE WIRKT (A.W. Tozer)
  • DER WERT EINES MENSCHEN (David Gooding / John Lennox)

glauben

  • DIE SCHÖNHEIT DER BRAUT (Martin von der Mühlen)
  • TREUE GIBT SICHERHEIT - LIEBE EIN ZUHAUSE (Markus Rudisile)
  • DAS GEHEIMNIS DES REGENBOGENS (Dr. Dr. Benjamin Lange)

leben

  • DIE HOCHZEIT IST NICHT ABGESAGT! (Jens Kehlen)
  • OHNE FLECKEN (Horst Katzmarzik)
  • DARF ICH BITTEN? (Markus Wäsch)
  • ALS SINGLE LEBEN (Christopher Yuan)
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

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