PERSPEKTIVE September - Oktober 2021

Berufen zu glauben... um aus Gnade zu leben

„Wie bist du zum Glauben gekommen?“ Eine einfache Frage. Eine, auf die jeder Christ wahrscheinlich schnell antworten kann. Vielleicht mit: „Weil ich erkannt habe, dass ich Jesus brauche. Deshalb habe ich ihm mein Leben anvertraut.“ Oder: „Ich wurde zu einer Evangelisation eingeladen. Dort habe ich dann mit jemandem gebetet und mich für Jesus entschieden.“Wohl nur die wenigsten würden allerdings antworten: „Weil ich von Gott dazu berufen wurde.“ Das mag daran liegen, dass wir „Berufung“ meistens mit einem konkreten Dienst oder einer Aufgabe verbinden, die Gott uns anvertraut, jedoch nicht damit, wie wir zum Glauben finden. Wenn Paulus dagegen an das Evangelium denkt, spielt die Berufung zum Glauben durch Gott die entscheidende Rolle. Entdecken wir diese Perspektive neu, werden wir eine größere Dankbarkeit für Gottes Gnade empfinden, die unser Leben im Glauben bestimmt.

Wir glauben allein deshalb, weil wir aus Gnade berufen sindWarum kommen Menschen zum Glauben? Für den Apostel Paulus ist es alles andere als selbstverständlich, dass Menschen glauben können. Dies zeigt er nirgendwo so deutlich wie in den ersten Kapiteln des ersten Korintherbriefes. Er spricht dort über das Evangelium. Diese Botschaft vom Kreuz teilt die Menschheit zunächst in zwei Gruppen ein. Auf der einen Seite die Juden, die in dieser Botschaft nichts als ein Ärgernis sehen können. Auf der anderen Seite die Nationen, also alle anderen Völker. Für sie ist das Evangelium purer Unsinn (1Kor 1,23).Worin besteht also die Hoffnung, dass Menschen Jesus als den Retter erkennen, der Sünden vergibt? Die Antwort darauf kann nicht der Mensch selbst sein. Wie auch, wenn die Menschen im Evangelium nur zwei Dinge sehen können, entweder Ärgernis oder Unsinn? Die Antwort von Paulus lautet: Die einzige Hoffnung liegt in der Berufung durch Gott:„… den Berufenen selbst aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1Kor 1,24).

Es gibt also noch eine dritte Gruppe. Eine aus Juden und Griechen: die Berufenen. Sie allein sind es, die im Evangelium weder ein Ärgernis noch Unsinn sehen, sondern es als Kraft und Weisheit Gottes erkennen.Paulus lenkt unseren Blick weg von uns Menschen hin zu Gott. Warum wir glauben? Wir glauben allein deshalb, weil wir von Gott dazu berufen wurden! Ohne diese Berufung würden auch wir uns über Jesus den Gekreuzigten entweder ärgern, also das Evangelium als anstößig empfinden, oder aber es als Unsinn abtun. Es ist die wirksame Berufung durch Gott, die Menschen die Augen für Jesus öffnet, der am Kreuz gestorben ist, um Sünden zu vergeben. Diese Berufung Gottes lässt Christen die ganze Gnade Gottes erkennen und erfahren. Deshalb hat Thomas Schreiner recht, wenn er schreibt:„Die Kraft der Gnade Gottes wird vor allem in dem Wort ‚Berufung‘ deutlich. In den paulinischen Schriften sollte das Wort nicht als ‚Einladung‘ verstanden werden, die angenommen oder abgelehnt werden kann. Die Berufung ist wirksam, sodass der Ruf das bewirkt, was er verlangt … Berufung ist wirksam, denn sie bewirkt die Überzeugung, dass das Evangelium die Kraft und Weisheit Gottes ist.“

Wir sind berufen, allein durch das Wort vom KreuzDiese wirksame Berufung durch Gott geschieht nie willkürlich. Sie ist vielmehr untrennbar mit dem Evangelium als Wort vom Kreuz verbunden. Vergebung der Sünde, Rettung und Erlösung erfahren Menschen allein durch das Evangelium, durch den Tod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung. Gott beruft Menschen nie abseits des Evangeliums, sondern immer durch das Evangelium. Dieses Evangelium ist Christen anvertraut und unveränderlich. Empfinden es Menschen als anstößig oder unsinnig, liegt es nicht unbedingt daran, dass wir es falsch verkündigen. Es liegt im Wesen von Gottes Handeln, dass es als Wort vom Kreuz Widerspruch hervorruft.Dies wurde vor einigen Jahren deutlich, als eine Denomination in den USA ein neues Liederbuch zusammenstellen wollte. Darin sollte auch das Lied „In Christ Alone“ (dt. In Christus ist mein ganzer Halt) aufgenommen werden. Allerdings wollten die Verantwortlichen eine Zeile ändern. In der zweiten Strophe heißt es: „Till on that cross as Jesus died, the wrath of God was satisfied“ (dt. Doch dort am Kreuz, wo Jesus starb und Gottes Zorn ein Ende fand). Daraus sollte werden: „Till on that cross as Jesus died, the love of God was magnified“ (dt. Doch dort am Kreuz, wo Jesus starb, wurde Gottes Liebe verherrlicht). Die Vorstellung, am Kreuz habe Jesus den Zorn Gottes abgewandt, sollte der Liebe Gottes weichen, die das Kreuz widerspiegelt. Die Verantwortlichen des Liederbuches fragten die Autoren Keith Getty und Stuart Townend, ob sie der Änderung zustimmten, da das Lied sonst nicht in das Liederbuch aufgenommen würde. Diese lehnten die Änderung ab, weshalb tatsächlich das Lied nicht aufgenommen wurde.Nun ist es tatsächlich so, dass der Tod Jesu am Kreuz die unermessliche Gnade und Liebe Gottes zeigt. Es ist aber eben auch eine Verkürzung. Denn das Ausmaß dieser Liebe und Gnade zeigt sich im Opfer Jesu, auf das der Mensch aufgrund von Sünde und Tod völlig angewiesen ist. Ein Opfer, das die Sünde nicht nur auslöscht, sondern auch den gerechten Zorn Gottes abwendet. Der Tod Jesu am Kreuz ist nur deshalb Ausdruck der unermesslichen Liebe Gottes, weil dort Jesus den Zorn Gottes trug, der wegen der Sünde gerechterweise auf allen Menschen liegt. Es ist dieses Wort vom Kreuz, von dem Paulus spricht, das er treu verkündigte, obwohl es in den Augen der Welt so anstößig oder unsinnig ist. Doch für Christen hat es Gottes Kraft.Selbst in christlichen Kreisen gibt es Aspekte des Evangeliums, die manchen unangenehm sind und deshalb verschwiegen oder uminterpretiert werden. Doch Liebe, der man die Ernsthaftigkeit aufgrund der Sünde und des gerechten Zornes Gottes nimmt, ist keine Liebe mehr, sondern eine inhaltlose Worthülse. Gott beruft Menschen nicht durch wohlklingende Worte zum Glauben, sondern durch die Botschaft vom Kreuz, in all seiner Anstößigkeit und Widersinnigkeit in den Augen der Welt.Ist das deprimierend? Das Gegenteil ist der Fall! Ja, in den Augen der Welt mag das Evangelium wenig ansprechend aussehen. Doch weil wir berufen sind, erkennen wir darin die unermessliche Kraft der Vergebung, Befreiung, Erlösung und Gemeinschaft mit Gott. Vor der Berufung durch Gott herrschten Sünde und Tod in unserem Leben. Jetzt, berufen von Gott, erkennen wir im Kreuz die Kraft Gottes. Wie es Leon Morris auf den Punkt bringt:„Diejenigen, die berufen wurden, wissen, dass der gekreuzigte Christus Kraft bedeutet. Vor dem Ruf hatte die Sünde sie besiegt. Nun aber ist eine neue Kraft in ihnen am Werk, die Kraft Gottes.“

Wir sind berufen, um demütig und dankbar zu lebenDie Berufung zum Glauben durch das Wort vom Kreuz so zu verstehen bewirkt eine grundlegende Veränderung. Denn von Gott berufen zu sein schließt jeglichen Hochmut aus sowie den Gedanken, man sei besser als andere. Berufung legt den Fokus des „Zum-Glauben-Kommens“ auf Gott selbst und bewirkt daher echte Demut. Wie es die Theologen Roy Ciampa und Brian Rosner ausdrücken:„‚Berufung‘ bedeutet, die Rettung von ihrer göttlichen Seite her zu verstehen. Dementsprechend unterstreicht sie dessen freien und gnädigen Charakter, der jegliche Art der Hochmut oder des Verdienstes untergräbt. Diejenigen, die Gott berufen hat, mögen besser dran sein, haben jedoch keinen Grund, sich selbst als besser anzusehen als irgendwen sonst.“

Dies war eine Lektion, die Paulus den Christen in Korinth neu vor Augen führen musste. Anstatt auf die eigene Größe, Klugheit oder Weisheit zu schauen, sollten sie ihre Berufung durch Gottes Augen sehen (1Kor 1,26-31). Denn nur so entsteht Demut, die Hochmut zerstört, und Dankbarkeit für Gottes unglaubliche Gnade.Auch wir haben immer wieder diesen Blick auf Gottes Gnade nötig, die sich in seiner Berufung zeigt. Er wird eine tiefgreifende Veränderung in unserer Beziehung zu Gott, zu unseren Geschwistern im Glauben und zu Menschen bewirken, die nicht glauben. Je mehr wir auf Gott und seine Berufung schauen, desto mehr werden wir von Freude und tiefer Dankbarkeit für seine Gnade in unserem Leben erfüllt.Seinen Glauben als Berufung zu verstehen wird eine tiefgreifende Veränderung in unserem Umgang mit Christen zur Folge haben. Denn wer seinen Glauben als Geschenk versteht, wird viel weniger auf andere herabsehen. Wie viele Konflikte und zwischenmenschliche Verletzungen würden überwunden, wenn das Zusammenleben von Christen von der Demut bestimmt wäre, die Paulus ausdrückt?!Christen haben keinen Grund, auf andere Menschen herabzusehen. Wenn wir diesen Aspekt der Berufung neu verstehen, wird uns das davor bewahren, uns für besser zu halten als Menschen, die nicht glauben, was leider viel zu häufig unausgesprochen gelebt wird. Denn wer wie Paulus erkennt, dass es keinen Grund gibt, sich zu rühmen, wie sollte der sich für besser halten als irgendjemand sonst?!

Thomas Lauterbach

p-05-2021

denken

  • BERUFEN ZU GLAUBEN (Thomas Lauterbach)
  • WIE FINDE ICH MEINE BERUFUNG (Dr. Gerd Goldmann)
  • UNSERE WUNDERBARE BERUFUNG (Matthias Richter)
  • GOTT BERUFT (Horst Helmut Katzmarzik)
  • WAS IST UNSER "NINIVE" (Alexander Rockstroh)
  • BERUFUNGSBERATUNG (Oliver Last)
  • ZURÜCKFINDEN (Martin Flache)
  • APOSTEL, LEITER UND DER HERR (Ralf Kaemper)
  • ANSTECKENDE GNADE (Rosaria Butterfield)

glauben

  • EINE ERSTAUNLICHE AUSWAHL (Dieter Ziegeler)
  • "MENSCH, WO BIST DU?" (Hartmut Jaeger)

Gemeinde

  • UNAUFFÄLLIG WICHTIG! (Hermann Fürstenberger)
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

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