PERSPEKTIVE November - Dezember 2021

AUFGEWÜHLTE SEELEN …… in stürmischer See

In den frühen Morgenstunden des 5. Juli 2021 entführten in Kaduna in Nigeria bewaffnete Männer 165 Schülerinnen und Schüler des Internats der „Bethel Baptist Church“. 25 Kindern gelang unmittelbar nach der Entführung die Flucht, die übrigen 140 gelten seitdem als vermisst. Dies ist nur eine weitere der zahllosen Massenentführungen von Kindern und Jugendlichen in der jüngeren und traurigen Geschichte Nigerias. Manchmal sind es schlichtweg kriminelle Banden, die die Entführten gegen Lösegeldzahlungen wieder freigeben. Manchmal sind es islamistische Verbände – wie Boko Haram –, die die Kinder und Jugendlichen zwangsislamisieren. Zurück bleiben allerorten körperlich gequälte und seelisch verzweifelnde Kinder und Eltern. Aufgewühlte Seelen in einer stürmischen Terror-See.1

Im Sturm des Rassismus Beim Fußball-EM-Finale Italien gegen England am 11. Juli 2021 (3:2 i. E.) im Wembley-Stadion verschießen mit Jaden Sancho, Bukaya Sako und Marcus Rashford drei junge Spieler der englischen Mannschaft ihre Elfmeter. Danach bricht ein hochpeitschender Sturm rassistischer Beleidigungen über die drei jungen Männer herein. Die Luft zum freien Atmen wird den Beleidigten und Diffamierten brutal genommen. „I can’t breathe!“ („Ich kann nicht atmen!“). Aufgewühlte Seelen in einer stürmischen Rassismus-See.

Im Sturm der PandemieDie Covid-19-Pandemie wütet um den Erdball, bringt Krankheit und Tod, zerstört Existenzen, spaltet den Staat und fragmentiert die Gesellschaft, bis hinein in die Gemeinde Gottes. Besonders junge Menschen leiden unter „psychischen Problemen, Einsamkeit, Konflikten in der Familie und Gewalterfahrungen.“2 Aufgewühlte Seelen in einer stürmischen Pandemie-See.

Im Sturm der MedienweltDie digitale Welt wird zunehmend zu einem Wellenmeer der sinnentleerten Reizüberflutung, der anonymen Grenzüberschreitungen, der verwirrenden „Fake News“ und der Massenüberwachung. „Big Brother is watching you!“

„Es scheint“, schreibt die Professorin für Theologische Ethik an der Ruhr-Universität Bochum, Dr. Katharina Klöcker, „alles andere als ausgemacht, ob die Optimierung, die uns die Digitalisierung in Aussicht stellt, die Welt tatsächlich zu einem besseren Ort macht. Der Algorithmisierung wird zumindest … ein Menetekel (‚Mahnung‘, ‚Warnung‘) angeheftet: Die Welt könnte durch sie auch zur schlechteren aller möglichen Welten werden.“3 Nicht von ungefähr warnt und mahnt der Aachener Psychoanalytiker und Dozent Thomas Auchter, dass man sich fragen muss, wie viel „an Informationen und schlimmen Nachrichten, [man] schauen muss, wie viel [man] sich [noch] zumuten kann“4 und will. In diesem Zusammenhang weist er auf den zunehmend genutzten Begriff des „Shielding“ („Abschirmung“, „Schutzschild“) hin, also jenes Schutzes, den wir als eine Art „Abwehrmechanismus“ hochziehen. Die Abhängigkeit von den digitalen Endgeräten jedenfalls nimmt stetig zu. Bei nicht wenigen Schülerinnen und Schülern ist Unterricht nur noch möglich, wenn am Anfang der Stunde die Handys eingesammelt werden. Auf der anderen Seite stehen die Nicht-Digital-Natives, also die ältere Generation, die noch Telefone mit Wählscheibe bedienen musste und angesichts der sich permanent ändernden Technologien und digitalen Inhalte inzwischen (halb freundlich, halb mitleidig) als „oldschool“ bezeichnet wird. Nicht wenige der „Oldschoolers“ sind irgendwo im Netz hängengeblieben, fühlen sich verloren und werden zunehmend bildschirmmüder. Wohl auch deshalb schlägt Deutschlands zurzeit erfolgreichster Schriftsteller, Ferdinand von Schirach, in seinem neusten Buch und Bestseller „Jeder Mensch“5 sechs neue europäische Grundrechte vor, „die die großen Herausforderungen unserer Zeit betreffen“ und durch die „jeder Mensch Europa und die Welt verändern kann“6. Interessanterweise widmen sich zwei der neuen Grundrechte der digitalen Welt und fordern einen reglementierenden, verantwortungsvollen Umgang mit den Medien, in dem die Maschine unter dem Menschen angesiedelt bleibt und keine ihn beherrschende KI (Künstliche Intelligenz) werden darf, sondern ihm lediglich dienender Helfer zum inneren und äußeren Frieden ist. Aufgewühlte Seelen in einer stürmischen Medien-See.

Flügel wie eine Taube im SturmWie kann man in einer derart vielfältig tobenden See einen von Ruhe und Frieden geprägten Glauben finden und bewahren? Würden wir nicht vielmehr mit David, der in Psalm 55 genug von den Stürmen in seinem Leben hatte, betend schreien wollen: „O, dass ich Flügel hätte wie eine Taube. Ich wollte hinfliegen und ruhen. … Ich wollte eilends entrinnen vor dem heftigen Wind, vor dem Sturm“ (Ps 55,6.8)?

Jesus im SturmDas Beste wird wohl sein, sich an dem Mann zu orientieren, der inmitten der Stürme, die ihn trafen, ruhig und still, friedevoll und vertrauensstark blieb – Jesus Christus! Wenn er in unserem Lebensboot ist, darf es auch in uns still und ruhig werden. Er ist das sicherste und vollkommene „Shielding“.

Nicht allein im SturmMatthäus, Markus und Lukas (Mt 8,16-27; Mk 4,35-41 und 5,1; Lk 8,22-25) berichten von einer Bootsüberfahrt im Sturm auf dem See Genezareth. Bevor es überhaupt auf das Wasser geht, gibt Jesus ein beispielhaftes Verhalten für alle Unruhigen und Besorgten: Er selbst geht mit in Nacht und Sturm, er schließt sich bewusst in die Reisegruppe mit ein („Lasst uns übersetzen“). Er geht sogar voran und steigt als Erster in das Schiff, das in wenigen Momenten in ein gewaltiges Unwetter geraten wird („Und als er in das Schiff gestiegen war, folgten ihm seine Jünger“). Kann ein Lebensboot, in dem Jesus, in dem Gott gegenwärtig ist, versinken? Wohl kaum, denn sonst müsste Gott versenkbar sein. Nun aber dürfen und können wir dank seiner unsinkbaren Gegenwart glaubensvoll singen: „Ich werde nie versinken, eh’ sänkst du selber mit.“7

Klammern im SturmWenn dann die unsere Seelen aufwühlenden Mächte entfesselt sind, müssen wir nicht verzagen. Weil Jesus da ist, gehen wir einfach kindlich vertrauend zu ihm und halten uns an ihm fest. Der Theologe und Schriftsteller Louis Albert Banks (1855–1933) erzählt in seinem Buch „Der Fischer und seine Freunde“ von zwei Passagieren, die sich während einer Überfahrt an Deck eines Schiffes befanden, das in einen Sturm geriet. Als der Sturm nachließ, war nur noch einer der beiden an Bord. Spätere Nachforschungen ergaben, dass der, der von den Wellen mitgerissen worden war, sich in einer Nische versteckt hatte, wo er sich sicher glaubte. Der andere Reisende hingegen hatte sich fest an die Reling geklammert und wurde dadurch gehalten. Die Lektion nach Banks ist ebenso einfach wie nachahmenswert: Klammere dich in deinen Stürmen an Jesus und verkrieche dich nicht in deinen selbst gewählten Verstecken.8

Flügel wie ein Adler im SturmZudem möchte Gott vielleicht auch gar nicht, dass unsere aufgewühlten Seelen dem Tohuwabohu beim ersten Windhauch entfliegen. Vielleicht sollen wir im Klammern an Jesus erfahren, dass aus Taubenflügeln zur Flucht im Sturm Adlerflügel der Stärke werden: „Dem Unvermögenden reicht Gott Stärke dar in Fülle. … Die auf den Herrn harren, gewinnen neue Kraft: Sie heben die Schwingen empor wie die Adler“ (Jes 40,29.31).

Kissenruhe im SturmIn dieser neu gewonnenen Kraft kommen wir zur inneren Ruhe, so wie Jesus selbst sie mitten im Sturm hatte. Er schläft auf einem Kissen hinten im Boot. Dies ist kein Schlaf der Gleichgültigkeit, sondern ein Schlaf des Vertrauens in seinen Vater. Jesus weiß, dass sein Vater alles in der Hand hat, und so kann er beruhigt einschlafen. Zudem liegt er hinten im Boot, von wo aus das Gefährt gesteuert wird, und zeigt damit an, dass er alles im Griff hat.

Gebet im SturmDie Jünger jedenfalls kommen mit ihren Nöten zu ihm: „Herr, rette uns.“ Dies ist wohl das kürzeste Gebet in der ganzen Bibel. Not macht keine langen Worte, Not lehrt beten. „Herr, ich kann nicht mehr! Herr, ich gehe unter. Herr, rette mich!“

Zuwendung im SturmDas Rufen seiner Kinder überhört Gott nicht. Nicht die Wellen und Wogen des Sees wecken Jesus, nicht der Wind weckt Jesus, nicht das auf- und abtanzende Boot weckt Jesus – wohl aber der Notschrei seiner Jünger! In dem mitschwingenden Vorwurf der Jünger: „Liegt dir nichts daran, dass wir umkommen?“, stimmt zunächst auch Petrus mit ein. Später wird er jedoch schreiben: „Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn ihm liegt an euch!“ (1Petr 5,7). Jesus liegt an uns, wir sind ihm nicht egal im Wirbelwind unserer hochkochenden Emotionen der Verzweiflung.

Gott im SturmLaut Matthäus riefen die Jünger „Herr“, laut Markus riefen sie „Lehrer“ und laut Lukas riefen sie „Meister“. Sie werden wohl alle drei Anreden benutzt haben, denn in der Tat, mehr als nur der „Herr“ oder der „Lehrer“ oder der „Meister“ ist an Bord. Bei uns und mit uns und für uns ist der Schöpfer des Universums, der Erste und der Letzte, das Alpha und das Omega, der Herr aller Herren, der König aller Könige, der Mann von Golgatha, der Sohn Gottes, Gott selbst! Mehr geht nicht. Fürchtet euch nicht!

„Ich bin da“ im SturmAls Gott sich Mose im brennenden Dornbusch vorstellt, sagt er zu ihm: „Ich bin, der ich bin! Ich bin da!“ (2Mo 3,14). Das ist das so gewaltige wie einfache Geheimnis, wie unsere aufgewühlten Seelen Ruhe und Frieden finden können: Jesus ist da! Gott ist da! – Was soll da noch passieren? Ich kann ruhig werden und ihm das Handeln überlassen. „Und Jesus wachte auf, stand auf, bedrohte den Wind und sprach zu dem See: Schweig, verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.“ – Es ist ruhig geworden, es ist still geworden. „Ich bin da“ ist da! So hat es auch Charles Wesley (1703–1791), der Mitbegründer des Methodismus, in seinem Leben erfahren. Auf seinem Sterbebett rief er rückblickend wie auch nach vorne sehend – gewissermaßen als sein Vermächtnis – zweimal aus: „Das Beste von allem ist, dass Gott mit uns ist!“ Besser wird es nicht, mehr geht nicht!Wenn wir dennoch in Unruhe und Zweifel bleiben, wendet sich Jesus liebevoll um und fragt: „Was seid ihr so furchtsam? Wo ist euer Glaube?“ Es gibt keinen Grund zur Furcht und zum Unglauben. Und sollte unser Glaube dennoch nicht hinterherkommen, wendet sich Jesus uns abermals zu und sagt noch liebevoller: „Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre“ (Lk 22,32).

Ehrfurcht im SturmEs ist immer noch Furcht im Boot, aber nicht mehr Furcht vor dem Sturm der Unruhe, sondern Ehrfurcht vor dem Mann Gottes im Boot: „Und sie fürchteten sich mit großer Furcht und sprachen …: Wer ist denn dieser?“ Übersetzbar auch mit „Aus welchem Land ist denn dieser?“ – „Das ist nicht mehr irdisch, das ist überirdisch!“, meinen die Jünger. Und in der Tat, das Land, aus dem dieser gekommen ist, um in unser Land des Elends einzutreten, ist das Himmelsland. Der Himmel, mit all seiner Kraft und Macht, ist mit uns! Da bleibt uns nicht viel mehr, als mit den Jüngern auf die Planken zu fallen und den König der Könige anzubeten.

Dreimal „mega“ im SturmDreimal verwendet Markus das griechische Wort „mega“ in seinem Bericht: ein „Megasturmwind“, eine „Megastille“, eine „Megaehrfurcht“. Wir haben einen Megaherrn! Je näher wir an ihn heranrücken, je fester wir uns an ihn klammern, umso besser lernen wir ihn kennen als den, der uns aus aller Unruhe zur Ruhe, aus allem Unfrieden zur Stille führt. Die Megastürme der Medien, des Terrors, des Rassismus’, der Naturkatastrophen, der Zweifel, des Unfriedens, des Chaos lassen uns Jesus als den Megasteuermann erleben und als den Megasturmstiller aus dem Himmelsland erheben. „Bisher“, so sagt Hiob zu Gott, „hatte ich von dir mit dem Gehör des Ohres gehört.“ Dann zog Hiobs Sturm auf. Am Ende, nach dem Sturm, sinkt Hiob anbetend auf die Knie und ruft aus: „Aber nun, mitten im Sturm, ganz nah bei mir, hat mein Auge dich gesehen“ (Hi 42,1-6). Fürwahr, „er verwandelt den Sturm in Stille, und es legen sich die Wellen. Und wir freuen uns, dass sie sich beruhigen, und er führt uns in den ersehnten Hafen“ (Ps 107,29.30).

Martin von der Mühlen

p-6-2021

Rezension

  • WORTERFÜLLTER DIENST FÜR FRAUEN (Martina Kausemann)

denken

  • EWIGER FRIEDE? (Karl-Heinz Vanheiden)
  • FRIEDEN FINDEN IN SEINER GNADE (Christian Barbu)
  • "SEI EIN FRIEDENSSTIFTER" (Wolfgang Seit)

glauben

  • AUFGEWÜHLTE SEELEN (Martin von der Mühlen)
  • FRIEDEN IN DER LÖWENGRUBE (Dr. Daniel Brust)
  • DIE GRÖSSTE FRIEDENSBOTSCHAFT (Hartmut Jaeger)
  • FREUT EUCH (Dieter Ziegeler)

leben

  • AUS DER STILLE KOMMT DIE KRAFT (Heiko Schwarz)
  • REALITÄT ODER SELBSTBETRUG (Jana Klappert)
  • WENN FRIEDEN WEIT WEG ZU SEIN SCHEINT (Ado Greve)
  • STREITET EUCH NICHT AUF DEM WEG (Matthias Weber)

Gemeinde

  • FRIEDENSORT "GEMEINDE" (Achim Jung)
  • SO HATTE DIE GEMEINDE FRIEDEN (Dr. Marcus Nicko)
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

Schreiben Sie uns...

Bitte geben Sie Ihre Anrede an!
Bitte geben Sie Ihren Vornamen an!
Bitte geben Sie Ihren Nachname an!
Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse ein
Ungültige Eingabe
Bitte geben Sie einen Ihre Nachricht ein.
Um dieses Formular absenden zu können, akzeptieren Sie die Cookies von Google ReCaptcha in den Cookie-Optionen.