PERSPEKTIVE September - Oktober 2022

Warum Arbeit wichtig ist

Arbeit im Wandel

Vor exakt 500 Jahren wurde auf der Leipziger Buchmesse das „Septembertestament“ veröffentlicht. Der Urdruck von Martin Luthers Übersetzung des Neuen Testaments kam am 21. September 1522 in den Handel. In seiner Übersetzung verknüpfte er Beruf und Berufung in der Aussage des Paulus, jeder solle „in dem Beruf“ bleiben, „darinnen er berufen ist“ (1Kor 7,20). Für Luther war Arbeit eine Pflicht, die man nicht infrage stellen darf: „Von Arbeit stirbet kein Mensch. Aber von Ledig- und Müßiggehen kommen die Leute um Leib und Leben; denn der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen.“ Mit solchen Aussagen legte Luther das Fundament eines protestantischen Arbeitsethos.Doch passt eine solche Aussage noch in das Zeitalter der digitalen Revolution? Digitalisierung und künstliche Intelligenz sind Markenzeichen von „Industrie 4.0“. Ein Zeitalter, in dem es nicht mehr nur um Automatisierung, sondern bereits um autonome Systeme geht. Während hierzulande noch vieles analog abläuft, hat die Europäische Kommission bereits im Januar 2021 ein Whitepaper mit dem Titel „Industry 5.0“ veröffentlicht.Längst unterstützen uns technische Assistenzsysteme bei der Entscheidungsfindung. So sind viele Autos heute mit Tempomat, Spurhalte- und Parkassistenten ausgestattet. In Großkanzleien ersetzen bereits jetzt semantische Such- und Analysemaschinen langwierige Recherchearbeiten in Bibliotheken. In der Versicherungsbranche werden eingehende Schriftsätze mittels Software erkannt, strukturiert, interpretiert und klassifiziert. Mit den gewonnenen Datensätzen lernt die Maschine, Muster in den Schriftstücken zu erkennen. Fehlerfreier, schneller und vor allem kostengünstiger als der Mitarbeiter vor dem Rechner. Wird Arbeit durch diese Entwicklung nur erleichtert? Oder ersetzt sie den Menschen? In seinem aktuellen Bestseller „Freiheit für alle – Das Ende der Arbeit wie wir sie kannten“ stellt Richard David Precht die Frage: „Was aber wird dann aus unserem Begriff der Arbeit, jenem Erbe der christlichen Religion, das seit fast zwei Jahrtausenden, mit Bedeutungen aufgeladen und mit Sinnansprüchen befrachtet, die Anleitung unseres Daseins liefert und unsere Leistungsgesellschaften zusammenhält?“ Hat der Begriff der Arbeit ausgedient? Oder definieren wir den Begriff der Arbeit zu sehr mit auf Erwerbszweck gerichteten Tätigkeiten? In der Bibel wird uns ein weit umfassender Begriff von Arbeit vorgestellt.

Arbeit hat einen paradiesischen Ursprung

Beginnen wir mit der Schöpfung. Der erste Satz der Bibel beginnt mit einer Tätigkeit Gottes: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde“ (1Mo 1,1). Gott schuf den Menschen „nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn“ (1Mo 1,27). Hierdurch befähigt er den Menschen, die ihm zugewiesenen Aufgabenbereiche zu erfüllen: Neben dem Herrschen über die Tierwelt (1Mo 1,26) und dem Sich-untertan-Machen der Erde (1Mo 1,28) steht unter anderem auch die Aufforderung: Bebaue und bewahre den Erdboden! (1Mo 2,15). Von Anfang an ist also ein Potenzial an Kultivierung und Weiterentwicklung in der Schöpfung vorhanden. Doch mit dem Sündenfall ist der Erdboden verflucht. Zur Arbeit gesellen sich „Mühsal“ (1Mo 3,17), „Dornen und Disteln“ (1Mo 3,18) und der „Schweiß deines Angesichts“ (1Mo 3,19). Was nach dem Sündenfall bleibt, ist die Aufgabe Gottes an den Menschen, den Erdboden zu bebauen (1Mo 3,23). Arbeit birgt neben „Dornen und Disteln“ (1Mo 3,18) auch „das Kraut des Feldes“ (1Mo 3,18) als Frucht der Mühe. Arbeit zwischen Sündenfluch und Segensfrucht.Am siebten Tag ruhte Gott (1Mo 2,2). Lange vor der Einführung von § 9 Abs. 1 Arbeitszeitgesetz (Verbot für das Arbeiten an Sonn- und Feiertagen) bestimmt Gott in den Zehn Geboten das Sabbatgebot (2Mo 20,8-11). Dass auch dieses Ausruhen in einer über den Beruf hinausgehenden Berufung aufgehen kann, macht ein Zitat deutlich, welches Martin Luther zugeschrieben wird: „Man kann Gott nicht allein mit Arbeit dienen, sondern auch mit Feiern und Ruhen.“Schlussendlich sehen wir beim Schöpfungsbericht, dass Gott sein gemachtes Werk anschaut und bewertet: „Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (1Mo 1,31). Hier klingt Freude durch. Salomo greift im Buch der Prediger diesen Gedanken für uns Menschen auf: „Und ich sah, dass es nichts Besseres gibt, als dass der Mensch sich freut an seinen Werken“ (Pred 3,22).

Arbeit ist vielfältig

Die Bibel begrenzt Arbeit nicht auf bezahlte Tätigkeiten. Arbeit ist mehr als reiner Broterwerb. Die Haushaltsführung einer Frau wird sowohl in Sprüche 31,27 als auch von Paulus gewürdigt (1Tim 5,14; Tit 2,5). Die Sklaven erhalten von Paulus konkrete Anweisungen zur inneren Arbeitseinstellung (Eph 6,5-8; Tit 2,9f.).Die Bibel beschränkt Arbeit nicht auf ein bestimmtes Alter. In Jeremia 7,18 sind es Kinder, die Holz auflesen, und „ein junges Mädchen“ (2Kö 5,2) zeigte als Dienerin eine Heilungsmöglichkeit für Naaman auf. Joasch wurde mit sieben Jahren König von Juda (2Kö 12,1). Auf der anderen Seite pflanzte Noah jenseits von 600 Lebensjahren Weinberge (1Mo 8,13; 9,20). Mit 85 Jahren tritt Kaleb vor Josua, um ihn an sein Erbteil zu erinnern. Was ihn dort erwartet? Jede Menge Arbeit: Gebirge, Riesen und große, feste Städte (Jos 14,10-12).In der Bibel ist die Arbeitszeit weit gestreckt: Die „tüchtige Frau“ aus Sprüche 31 „steht auf, wenn es noch Nacht ist“ (Spr 31,15), und „[auch] nachts erlischt ihre Lampe nicht“ (Spr 31,18). In den Psalmen wird die Arbeitszeit dargestellt mit den Worten: „Geht die Sonne auf … Der Mensch geht aus an sein Werk, an seine Arbeit bis zum Abend“ (Ps 104,22f.). „Vom Morgen an“ (Rt 2,7) „bis zum Abend“ (Rt 2,17) las Rut auf dem Feld des Boas Getreide auf. In dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg stellt der Hausherr frühmorgens die ersten Arbeiter in seinen Weinberg ein (Mt 20,1), und als es „Abend geworden war“ (Mt 20,8), lässt er die Arbeiter zusammenrufen, um ihnen den Lohn auszuzahlen. Paulus hat „mit Mühe und Beschwerde Nacht und Tag gearbeitet, um keinem von euch beschwerlich zu fallen“ (2Thes 3,8).Die Bibel zeigt uns auch die Vielschichtigkeit von Arbeit auf: Boas kommt auf das Feld, während seine Schnitter ernten. Während er hier am Arbeitsprozess nicht beteiligt zu sein scheint, nimmt er eine bedeutende Rolle im Tor der Stadt ein (vgl. Rt 4,1-12). Auch die Jünger des Herrn Jesus übten verschiedene Berufe aus: Von A bis Z – von Angler bis Zöllner war alles vertreten. Paulus vereint es sogar in einer Person: Apostel und Zeltmacher. Das schönste Vorbild – unser Alpha und Omega: Arzt und Zimmermann.Arbeit ist nach der Bibel Dienst für Gott (Eph 6,5-8; Kol 3,22-24) und Dienst für Menschen (Eph 4,28). Fehlender Arbeitsbereitschaft tritt die Bibel deutlich entgegen bis hin zu der Aussage: „Wenn jemand nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen“ (2Thes 3,10). Wer hier noch Anschauungsmaterial braucht, sei auf die Ameise verwiesen: „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege an und werde weise! Sie, die keinen Anführer, Aufseher und Gebieter hat, sie bereitet im Sommer ihr Brot, sammelt in der Ernte ihre Nahrung“ (Spr 6,6-8).Zusammengefasst ergibt sich die Mut machende Konsequenz, dass vor Gott jeder Arbeiter und jede Arbeit zählt. In unserer Gesellschaft werden Menschen oft nach dem, was sie arbeiten, bewertet. Bei Gott wohnt jeder Arbeit eine Würde inne. Kein Unterschied zwischen einem pensionierten Mitarbeiter, der in einer christlichen Bücherstube aushilft, einer Hausfrau im Haushalt, einem Arbeitssuchenden und einem Topmanager. Arbeit strukturiert unseren Tag und bietet uns die Möglichkeit, Talente einzusetzen und Berufung auszuleben. „Wenn du eine geringe Hausmagd fragst, warum sie das Haus kehre, die Schüsseln wasche, die Kühe melke, so kann sie sagen: Ich weiß, dass meine Arbeit Gott gefällt, sintemal ich sein Wort und Befehl für mich habe.“ (Martin Luther )

Grenzen der Arbeit

Doch wenn Arbeit zum Drehpunkt unserer Identität wird, gleichen wir einem Hamster in seinem (goldenem) Laufrad. Sinn erhält unser Leben nicht durch die Arbeit, sondern durch unseren Herrn, dem wir alles zur Ehre tun dürfen (vgl. 1Kor 10,31). „Was ihr auch tut, arbeitet von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen“ (Kol 3,23). Da der Herr Jesus selbst der höchste Auftraggeber ist, habe ich mich zu fragen: Wo gibt es Arbeiten, die ich nicht mittragen kann? Wo habe ich mich aktiv entgegenzustellen? Welche sinnvollen Tätigkeiten liegen bereits vor meinen Füßen und warten darauf, angepackt und umgesetzt zu werden? Mit der Beantwortung dieser Fragen ziehen wir in Verantwortung vor unserem Schöpfer Grenzen.Auch unser Schöpfer setzt Grenzen in dem Bewusstsein unserer Begrenzungen. Ausgehend von dem Ruhetag innerhalb der Schöpfungswoche manifestiert er in den Zehn Geboten das Sabbatgebot. Dietrich Bonhoeffer führt hierzu aus: „Der Dekalog enthält kein Gebot zu arbeiten, aber ein Gebot, von der Arbeit zu ruhen. Das ist die Umkehrung von dem, was wir zu denken gewohnt sind.“ Als die Jünger von einem Arbeitseinsatz zurückkommen, lädt der Herr Jesus sie ein: „Kommt, ihr selbst allein, an einen öden Ort und ruht ein wenig aus!“ (Mk 6,31). Seelsorgerlich setzt unser Herr die Idee aus Prediger 4,6 um: „Besser eine Hand voll Ruhe als beide Fäuste voll Mühe und Haschen nach Wind.“ Der vielbeschäftigten Marta entgegnet der Herr Jesus mit Blick auf die zu seinen Füßen sitzende Maria: „Du bist besorgt und beunruhigt um viele Dinge; eins aber ist nötig. Maria aber hat das gute Teil erwählt, das nicht von ihr genommen werden wird“ (Lk 10,41f.).

An Gottes Segen ist alles gelegen

Ermutigen kann uns, dass jede noch so kleine Tätigkeit wertvoll, jeder beschwerliche Prozess kostbar, und jeder aufopfernde Dienst registriert wird bei dem Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat. Wir dürfen Gott durch unsere Arbeit ehren: „Wer treulich arbeitet, der betet zwiefältig. Aus dem Grunde, dass ein gläubiger Mensch in seiner Arbeit Gott fürchtet und ehret und an seine Gebote denkt“ (Martin Luther ).Losgelöst von technischen Entwicklungen wird es immer Arbeit geben – auch in der Ewigkeit. Unser Herr führt aus: „Die Ernte zwar ist groß, der Arbeiter aber sind wenige. Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte“ (Lk 10,2). Auch auf der neuen Erde und im Himmel. Für unser Jetzt und Hier kann uns unsere Abhängigkeit von unserem Schöpfer trösten: „Wenn der HERR das Haus nicht baut, arbeiten seine Erbauer vergebens daran. Wenn der HERR die Stadt nicht bewacht, wacht der Wächter vergebens. Vergebens ist es für euch, dass ihr früh aufsteht, euch spät niedersetzt, das Brot der Mühsal esst. So viel gibt er seinem Geliebten im Schlaf“ (Ps 127,1f.)

Thomas Kleine

p-5-22

aktuelles

  • LETZTE STUNDEN - MANFRED SCHÄLLER (Andreas Ebert)

denken

  • WARUM ARBEIT WICHTIG IST (Thomas Kleine)
  • REBELLION (Ralf Kaemper)
  • GEISTLICHE AUTORITÄT (Klaus Velleuer)
  • MIT ZIELEN DIENEN (Joachim Pletsch)

glauben

  • UNAUFFÄLLIG STARK (Dieter Ziegeler)
  • HINGABE HAT AUSWIRKUNG (David Kröker)
  • WAS WIR VON MARTHA LERNEN KÖNNEN (Natascha Schmidt)
  • HÖREN, WIE EIN JÜNGER HÖRT (Martin Flache)
  • DER DIENENDE KÖNIG (Simon Wecker)
  • MISSVERSTÄNDNIS WERKE (Andreas Droese)

leben

  • SO LEBEN, DASS ETWAS BLEIBT (Alexander Rockstroh)
  • SCHULDIG, EINANDER DIE FÜSSE ZU WASCHEN (Wolfgang Seit)

Gemeinde

  • "MEIN ZWEITES ZUHAUSE" (Martin von der Mühlen)
Orientierung

Die PERSPEKTIVE analysiert aktuelle Entwicklungen – denn wir brauchen Orientierung, wenn selbst Fakten fragwürdig werden.

Maßstab

Die PERSPEKTIVE stellt sich der Bibel und wichtigen Fragen unserer Zeit – denn alles, was wir über und von Gott wissen können, zeigt er uns in seinem Wort.

Ermutigung

Die PERSPEKTIVE ermutigt, Jesus Christus zu vertrauen und Zweifel zu überwinden – denn Glaube lebt aus einer aktiven Gottesbeziehung.

Schreiben Sie uns...

ACHTUNG! Bitte geben Sie bei Bestellungen oder Änderungen des Abos immer Ihre Postadresse mit an.

Bitte geben Sie Ihre Anrede an!
Bitte geben Sie Ihren Vornamen an!
Bitte geben Sie Ihren Nachname an!
Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse ein
Ungültige Eingabe
Bitte geben Sie einen Ihre Nachricht ein.
Um dieses Formular absenden zu können, akzeptieren Sie die Cookies von Google ReCaptcha in den Cookie-Optionen.